Warum gutmütige, spirituelle Lehrer schlechte Dinge tun

Ich möchte heute mit euch darüber reden, warum gutmütige, spirituelle Lehrer schlechte Dinge tun. Das ist für mich ein echt interessantes Thema.

In der Welt der kommerziellen Spiritualität gibt es Leute, die letztlich einfach nur Betrüger sind. Sie haben nichts anzubieten und haben keine Einsicht in irgendwas. Diese Menschen haben gelernt, mitreißend zu reden, haben sich ein paar schauspielerische Fähigkeiten angelernt und lehren nun mittelmäßige Spiritualität. Sie sind wie Schlangenöl-Verkäufer/innen, die genau wissen, dass das, was sie verkaufen, absolut nichts bringt. Diese Leute interessieren mich aber auch nicht wirklich.

Stattdessen gibt es da noch ein ganz anderes Phänomen, welches mich deutlich mehr interessiert. Ich bemerke immer wieder Menschen, die durchaus eine ursprünglich tiefe Erfahrung der Einsicht, des Erwachens, des Kensho oder Satori oder wie auch immer ihre Tradition diese Art der Erfahrung nennt, erlebt haben. In anderen Worten: Sie sind keine blanken Scharlatane. Diese Menschen haben tatsächlich irgendwann mal so etwas erlebt. Was dieses “etwas” war oder ist, darüber lässt sich streiten. Aber sie denken sich dieses “etwas” zumindest nicht nur aus oder tun nur so, als ob. Für diese Menschen war ihre Erfahrung real.

Dennoch haben es diese Menschen geschafft, sich zu Personen zu entwickeln, die anfangs zwar wirklich wertvolle und “echte” Themen und Lehren zu bieten hatten, dann aber immer mehr im Kommerz versunken sind und letztlich irgendwann nicht mehr zu bieten haben, als ihre eigene Selbstverherrlichung – und oftmals kommt dann der weite Fall zum Boden der Realität.

Ich frage mich oft: “Wie kann so etwas passieren?”.

Ich denke, ich kann meine eigenen Erfahrungen nutzen, um diese Frage zu beantworten. Das liegt daran, dass ich irgendwie selbst in diese Welt reingerutscht bin. Ich habe ein paar Bücher geschrieben, die jetzt in Barnes & Noble Läden verstauben, weil sie aufgrund der Tatsache, dass sie im untersten Schubfach liegen und seltsame Cover haben, niemand kauft. Okay, manchmal kauft sie schon jemand. Weil dieses “manchmal” dann doch “oft genug” ist, habe ich mir (mehr oder weniger) einen Namen in der spirituellen Welt gemacht. Ich habe genug Ruhm abbekommen, um diese Sache zu meinem Hauptberuf zu machen. Ich muss nicht mehr für Victor Temporary Services arbeiten, wie ich es mal eine Weile gemacht habe. Als ich meinen Job bei Tsuburaya Productions 2009 verloren habe, konnte ich diese “Buddhistischer Autor”-Sache weitermachen und soweit klappte das ganz gut.

Die natürlichste Reaktion für die meisten Menschen in meiner Situation wäre wohl, noch immer einen Schritt weiter zu gehen. Die Leute drängen mich auch oft genug darauf hin. Da gibt es sogar teilweise richtig heftiges Interesse. Ich möchte das niemandem verübeln, die meisten sind nette die Leute, die wirklich an meine etwas verquere Sicht des Zen Buddhismus glauben bzw. sie gerne hören. Sie sehen darin einen Wert. Diese Leute schätze ich auch sehr!

Ich bekomme ständig Hinweise, wie ich meine “Marke” weiter ausbreiten könnte – wie ich mehr Bücher verkaufen könnte, mehr Klicks auf meine Videos auf Youtube bekomme, in mehr Magazinen abgebildet werde, in TV-Sendungen komme oder selbst Oprah persönlich treffen könnte und sollte. Ich höre mir das immer geduldig an, folge solchen Tipps aber eher selten.

Ich scheue mich immer davor, den sogenannten “nächsten Schritt” zu gehen. In gewisser Weise haben in der Vergangenheit natürlich mehr und mehr Menschen mitbekommen, was ich tue und wer ich bin. Aber dieser Prozess ging sehr langsam voran. Das liegt auch daran, dass ich immer versuche, diesen Prozess zu verlangsamen. Immer wenn ich bemerke, dass ich ein kleines bisschen zu populär werde, mache ich dies sogar aktiv. Diejenigen unter euch, die meine eher politisch geprägten Beiträge hassen, interessiert es vielleicht, dass ich oftmals absichtlich Positionen beziehe, die bei den “typischen“ Spiritualität-Anhängern eher negativ ankommen. Ich mache das, um Leute abzuschrecken, die mich nur – sagen wir mal – ausprobieren, um in ihrem örtlichen Zen Center irgendwas zu erzählen haben. Das ist natürlich schlecht für meine “Marke”, aber gut für mich und mein normales Leben als Privatperson.

Der Grund, warum ich nicht die Leiter der spirituellen Führer weiter aufsteige ist, dass jede Stufe einen gewissen Kompromiss mit sich bringt. Je höher man steigt, desto mehr Kompromisse bringt jede neue Stufe mit sich. Ich bin mir nicht ganz sicher, warum das so ist, aber habe da ein paar Theorien.

Lasst uns ein Beispiel durchkauen. Stellen wir uns mal einen Typen vor, der ein bisschen wie ich anfängt. Er hat echte spirituelle Praxis, an der er privat eine ganze Weile gearbeitet hat. Er hatte ein paar echt umwerfende und abgefahrene Erfahrungen in dieser Praxis und hat dadurch Erkenntnisse gewonnen, die niemand vor ihm hatte. Er hat jetzt was anzubieten. Also veröffentlicht er ein Buch.

Nachdem das Buch veröffentlicht wurde, wird er immer bekannter. Er erscheint in ein paar Magazinen und wenn er eine Vorlesung seines Buches veranstaltet, kommen die Leute in Scharen. Also unternimmt er den nächsten logischen Schritt und eröffnet irgendein Center, wo die Menschen direkt von ihm lernen können.

Was aber als Nächstes passiert ist, dass dieses Center natürlich Rechnungen zu bezahlen hat – Strom, Heizung, Wasser und so weiter müssen verfügbar sein. Weil das Center Rechnungen zahlen muss, muss der Typ, der das Center führt, natürlich Möglichkeiten finden, die Leute zu sich zu ziehen und diese dazu zu bekommen, etwas zu spenden. Wie bekommt man das hin? Na ja, eine Möglichkeit ist, seine Lehren etwas überschwänglicher zu gestalten, um so mehr Menschen anzuziehen. Ein weiterer Faktor ist, sich so zu verhalten und zu kleiden, wie es die Menschen von einem in dieser Position erwarten, weil es eben immer eine Erwartungshaltung gibt, wie eine spirituell begabte Person aussehen und klingen sollte. Wenn er das dann tut, kommen mehr Leute und geben ihm mehr Geld.

Die Folge ist, dass das Center durch die immer größeren Einnahmen und die immer größere Besucherzahl auch immer weiter wächst. Da es dies tut, hat der Typ, der es leitet, auch immer mehr Verantwortung. Früher oder später gibt es dann Mitarbeiter, die bezahlt werden wollen, weil er allein das alles nicht mehr hinbekommt. Also ist es nicht mehr der Typ, der ein Buch geschrieben hat und bezahlt werden will, sondern all die Menschen, die beim Typen, der das Buch geschrieben hat, angestellt sind, die ebenfalls bezahlt werden wollen. Über kurz oder lang werden das Center und die ganze Planung und Unterhaltung noch größer. Jetzt hast du Menschen, die für die Menschen arbeiten, die für den Typen, der das Buch geschrieben hat, arbeiten – und auch diese, wollen bezahlt werden.

Wenn das immer so weiter geht, besitzt unser Typ, der eine echte spirituelle Erfahrung hatte und ein nettes Buch geschrieben hat, plötzlich eine Art Monster, welches immer wieder gefüttert werden muss. Wie dieses Monster gefüttert wird ist seine absolute Priorität im Leben. Er hat keine Zeit mehr, spirituell zu sein. Wer hat schon jetzt noch Zeit dafür? Welche Erfahrung oder Einsicht ihn auch immer in diese Position gebracht hat, interessiert jetzt kaum noch. Er muss aber trotzdem noch so tun, als wäre er der Typ, der vor über 10 Jahren dieses eine Buch da geschrieben hat, über eine Erfahrung, die mittlerweile schon 20 Jahre her ist. Aber er ist nicht mehr dieser Mensch von damals. Er ist kein bescheidener Mönch oder spirituell Suchender mehr, der versucht, uns mit etwas Größerem in uns zu verbinden. Er ist ein CEO.

Das Fazit ist; dass, obwohl der Typ ursprünglich mit der großartigen Intention angefangen hat, sein spirituelles Irgendwas, was er in dieser Welt gefunden hat, an die Menschen zu bringen, er nun ein Typ ist, der ein Monster besitzt, dass er zu unterhalten hat und noch dazu dutzende Münder, die gefüttert werden wollen. Dieses Monster zu erhalten hat sein gesamtes Leben eingenommen und ist das Einzige, was für ihn zählt.

Ich habe vor einer Weile “Infinite Tuesday” (dt. “Der unendliche Dienstag”) von Michael Nesmith gelesen. Er war ein Bandmitglied der Monkees, einer “für’s-Fernsehen-gemachten” Pop-Band aus den 60ern, welche für eine Weile sehr berühmt waren. Erst waren da vier normale Jugendliche, Anfang 20, die ein Vorspielen für eine Fernsehsendung hatten und plötzlich waren da vier waschechte Superstars. Nesmith ist jetzt irgendwas in die 70 Jahre alt und das Buch handelt von seinem Leben und wie sein Ruhm sein Leben beeinflusst hat. Ein interessantes Phänomen, über das er in seinem Buch schreibt, ist die sogenannte “Celebrity Psychosis” (dt. ungefähr “Promi-Psychose”). Laut seiner Aussage ist es das, was mit ihm passiert ist, als er mit nur 24 Jahren als Mitglied der Monkees berühmt wurde.

Er sagt, dass diese “Promi-Psychose” passiert, wenn du mitbekommst, dass du dich plötzlich in einer Machtposition wiederfindest, die du vorher nie hattest. Da entsteht dieses Interesse, was du mit dieser neuen Macht nun anstellen kannst. Zur gleichen Zeit hat man aber natürlich keine Ahnung, was die Konsequenzen sein können. Er sagt auch, dass Leute in dieser Machtposition ständig alle möglichen Verherrlichungen entgegen geworfen bekommen.

Ich bekomme das Gleiche ständig mit. Nicht in dem Maßstab wie Michael Nesmith. Aber spirituelle Prominente haben da die gleichen Probleme wie Popstars und der Aufstieg als Berühmtheit kann genauso plötzlich und problematisch sein. Ich öffne jeden Tag eine E-Mail, in der ich für irgendetwas gelobt werde. Das klingt vielleicht nett und das ist es in gewisser Weise auch, aber es fühlt sich oftmals auch seltsam an. Ich frage mich dann häufig, wer hier gerade das Lob bekommt. Es ist sicherlich nicht dieser Typ, der am Laptop sitzt und diese E-Mails liest. Der Mensch, der da in den Mails gelobt wird – ich kann mich mit ihm nicht identifizieren. Das bin nicht ich. Es scheint, als würden sie einen anderen loben.

Aber sich mit dieser Seite zu identifizieren ist möglich. Manche Menschen bekommen es richtig gut hin, diese Person zu sein, die da das ganze Lob bekommt – dieser eigentlich kleine Ausblick in die tatsächliche Person, die sie sind. Sie fühlen sich so, dass das wirklich IHR Ding ist und sie dieses ganze Anhimmeln komplett verdient haben. Wenn man aber damit anfängt, wird man aber zwangsläufig früher oder später Fehler im Umgang mit Menschen machen, so viel ist sicher. Ich glaube, ich habe es halbwegs hinbekommen, das nicht zu tun, aber auch nur knapp.

Wenn ich manche Skandale von spirituellen Berühmtheiten da draußen sehe, verstehe ich oftmals genau, wie diese entstanden sind. Meine Laster mögen nicht die Gleichen sein, aber ich habe selbst mitbekommen, wie einfach es ist, anzunehmen, was einem von bereitwilligen, netten Menschen, die dich lieben, angeboten wird. Je mehr du diese Verherrlichung an dich rankommen lässt, desto größere Fehler wirst du machen und diese Fehler werden schlimmer und schlimmer, wenn du sie immer wieder zulässt.

Eine weitere interessante Sache ist, dass die Menschen immer realisieren, dass sie die falsche Richtung eingeschlagen haben. Aber manche von Ihnen können das nicht zugeben und nicht mal sich selbst eingestehen. Sie fühlen sich dann so, als würden zu viele Menschen von ihnen abhängig sein und dass sie diese enttäuschen würden, wenn sie ihre Arbeit niederlegen, selbst wenn dass das Beste in der Situation wäre, was sie tun könnten. Ich habe eine kleine Theorie, dass diese Leute dann oftmals ihre eigene Macht untergraben möchten. Sie versuchen, eine Art Suizid oder Mord an dieser Karikatur ihrer selbst zu begehen, an die ihre Anhänger glauben.

Das passiert, weil diese Last, das Bild der kompletten Heiligkeit zu erhalten, zu groß wird, wo sie doch genau wissen, dass dieses nicht echt ist. Dieses Bild der Heiligkeit ist übrigens nicht nur unecht für diese Menschen. Niemand könnte jemals dem Image gerecht werden, welches einige spirituelle Berühmtheiten für sich selbst pflegen oder welches für sie erschaffen wurde. Also versuchen sie, dieses Image zu untergraben, in dem sie eine Affäre mit einer/m ihrer Anhänger/innen, oder mehreren, haben. Sex ist üblicherweise ein Teil davon. Letzteres scheint der “beste” Weg zu sein, dass die Leute dieses Bild der Heiligkeit von ihnen ablegen.

Ich glaube nicht, dass das wirklich aktiv in den Köpfen derer geschieht. Aber im Hinterkopf wissen diese Leute in ihrer seltsamen Position der spirituellen Berühmtheit durchaus, was ihre Karriere zerstören kann und das ist auch das, was sie insgeheim wollen. Sie wollen einen Weg nach draußen und der einzige Weg, frei von diesem geschaffenen Bild der Heiligkeit zu sein, scheint, dieses zu zerstören.

Das ist selbstverständlich keine gute Strategie. Viele Menschen werden dabei in Mitleidenschaft gezogen. Aber ich glaube, wenn die Dinge wirklich komplett aus dem Ruder gelaufen sind, dass das wirklich für manche leider der einzige Ausweg ist.