Einen wichtigen Moment als Lehre nutzen

Wir glauben, dass wir diese Welt verstehen, in der wir leben. Wir glauben, dass wir wissen, was sie ist. Uns wurde ja auch gelehrt, sie auf eine bestimmte Art und Weise zu sehen und auf was wir Acht geben und was wir ignorieren können. Wir haben diese bestimmte Sichtweise akzeptiert.

Aber wenn wir uns ruhig hinsetzen und das Leben, das wir leben, beobachten, bemerken wir, dass diese Sichtweise, die uns beigebracht wurde, vielleicht so nicht richtig ist. Das war ein Schock für mich, als ich dass das erste Mal mitbekommen habe. Ich war mir unsicher, ob und wie ich damit weitermachen sollte.

Als Erstes dachte ich, dass ich meine Erkenntnis jedem sofort erzählen muss. Ich hatte vor allem gedacht, dass es die Leute interessiert, die selbst Zazen praktizieren.
Aber da lag ich falsch. Gerade die wollten davon gar nichts wissen.

Kommunikation ist schwierig. Es ist verdammt schwer, den richtigen Weg zu finden, um etwas Wichtiges zu vermitteln – und dann ist es noch viel schwerer, den richtigen Weg für etwas zu finden, dass komplett gegen alles geht, was uns für eine ewig lange Zeit beigebracht wurde.

Wir wissen nicht, wer wir sind. Wir wissen nicht, was wir sind. Aber uns wurde beigebracht, wer und was wir sind von Menschen, die ebenfalls eigentlich nicht wissen, wer und was sie sind. Aber nicht alle von Ihnen versuchen, uns irgendwie zu verarschen. Auch denen wurde es am Ende nur von anderen beigebracht und sie haben akzeptiert, was ihnen beigebracht wurde. Den einzigen Vorwurf, den man da machen kann, ist, dass keine/r von ihnen hat je wirklich nach den richtigen Antworten gesucht.

Das Problem ist vermutlich, dass die meisten von uns keine Ahnung haben, wie man die passenden Fragen für diese “richtigen Antworten” stellt. Wir glauben, dass wir die Dinge bereits klar sehen, wie sie sind. Wenn uns dann jemand sagt, dass wir die Dinge eben nicht klar sehen, nehmen das einige sicherlich als Beleidigung auf.

“Ich soll die Dinge nicht klar sehen? DU siehst doch die Dinge nicht klar!”
Die Kommunikation ist daraufhin gestört oder wird gleich abgebrochen.

Kommunikation zwischen zwei Menschen sollte aber wie das Kommunizieren der Organe innerhalb des Körpers funktionieren, nämlich so gut, dass der Körper als Ganzes perfekt funktioniert. Stattdessen stellt sich die Leber vor, sie könnte ihr eigenes Ding machen und ohne die Nieren oder den Magen leben, welche damit natürlich ein Problem haben. Weil sich die Organe so verhalten, funktioniert der Körper als Ganzes nicht mehr so, wie er sollte.

Vor über 20 Jahren wurde ich von meinem Zen Lehrer gefragt, ob ich diese Probleme, von denen ich eingangs sprach, nicht anderen Leuten vermitteln möchte. Ich wollte das nicht. Ich will es eigentlich immer noch nicht. Aber mittlerweile scheint es, als wäre es meine Pflicht geworden.

Auf Twitter hat mir kürzlich mal jemand geschrieben: “Wenn ich ein Dharma-Nachfolger mit einer großen Anhängerschaft wäre, würde ich diesen wichtigen Moment der Geschichte als eine Lehre und zusätzlich mein Wissen nutzen, um die Betroffenen zu trösten und zu unterrichten.“

Ich habe die Person dann gefragt, was sie denn lehren würde. Ich habe nie eine Antwort bekommen. Vielleicht hat die Person auf Twitter meine Frage als Scherz gesehen. Aber das war kein Scherz. Ich wollte es wirklich wissen. Ich wollte wirklich die Antwort dieser Person lesen.

Vielleicht hatte die Person tatsächlich etwas herausgefunden, was ich in über 20 Jahren versucht habe zu verstehen, in dem ich Bücher und Blogs schrieb, Videos drehte und mit vielen Leuten auf der ganzen Welt redete – Momente, in denen ich aber genau das getan habe, was die Person auf Twitter in meiner Position tun würde.

Ich versuche gerade nicht, mich über die Person auf Twitter lustig zu machen. Wirklich nicht! Es gab eine Zeit, da habe ich genauso über andere Leute gedacht. Es gab Zeiten, in denen habe ich gedacht, dass meine Lehrer einen besseren Job machen könnten. Manchmal habe ich sogar gedacht, dass ich einen besseren Job in ihrer Position machen könnte.

Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass ich nicht der weise Mann bin, den die Leute erwarten. Genauso wie meine Lehrer und viele Andere in dieser Welt, die ich bewundere, nicht die weisen Männer und Frauen sind, die ich erwarte und erwartet habe. Weisheit gehört mir nicht. Sie gehört niemandem.

Das Beste, was wir tun können, ist unsere eigenen Vorstellungen beiseitezulegen und es der Weisheit zu erlauben, uns zu durchdringen. Manchmal passiert das. Manchmal überrascht mich das sogar – und ich bin mir sicher, meine Lehrer hat das auch überrascht.

Jeder Moment des Lebens ist ein wichtiger Moment. Was kann ich jetzt über diesen sagen?

Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung.