Die traurige Geschichte, wie mich mein Zen-Lehrer nicht sah

Ich möchte die Lehre des Nicht-Selbst studieren. Aber zuerst möchte ich, dass du dir alle persönlichen Details meines Lebens anhörst.

So oder so ähnlich habe ich das zu all meinen Zen-Lehrern indirekt gesagt. Sie haben geduldig zugehört, wie ich meine Lebensgeschichte erzählt und erzählt und erzählt habe. Vielleicht haben Sie ab und zu genickt, den Kopf etwas geschüttelt, gefragt “Oh, ist das so?” oder gesagt “Das ist schlecht”. Aber zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass sie nur darauf gewartet haben, dass ich endlich meinen Mund halte und eine tatsächliche Interaktion zwischen uns beginnen kann.

Aber ich war zu beschäftigt über mich zu reden, um das möglich zu machen.

Ich kann mich immer noch an manche Gedanken erinnern, die ich diesbezüglich hatte, als ich mit Nishijima Roshi praktiziert habe. Ich hatte ein weiteres unbefriedigendes Gespräch mit ihm und dachte mir sowas wie “Als ein alter japanischer Mann kann er unmöglich verstehen, was ich gerade durchmache. Menschen in seinem Alter verstehen nicht, wie sich die Zeiten geändert haben. Außerdem wird er nie wissen, wie es ist, als Immigrant in Japan zu leben und was das alles mit sich bringt”, und so weiter und so weiter.

Kurz gefasst, mein Ego war angegriffen, weil mein Lehrer nicht erkannt hatte, dass ich doch was ganz sehr “Besonderes” an mir habe. Ich wollte gesehen und bemerkt werden. Aber das hat er nicht und das machte mich wütend. Und es war seine Schuld, dass ich wütend war. Wenn er mich besser behandelt hätte, wäre ich nicht so wütend! Ach, scheiß doch auf ihn!

Ich war zu sehr Einzelgänger um mich dazu überreden zu können, Gleichgesinnte zu treffen und mit ihnen gemeinsam zu sinnieren, wie mein Lehrer meine Bedürfnisse missachtet. Das Internet war zu dem Zeitpunkt auch noch nicht so weit, dass ich darüber Leute finden konnte, die mir beipflichten.

Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich schlecht – und auch einsam. Aber rückblickend glaube ich, dass das besser so war. Wenn ich jemanden gehabt hätte, der meine Probleme schönredet, hätte ich wahrscheinlich nicht in mich selbst geschaut und mitbekommen, dass vielleicht die Probleme einfach bei mir liegen.

Heute habe ich die Positionen getauscht. Jetzt bin ich derjenige, der sich hinsetzt und die Leute anhört, die schier unendlich über sich selbst reden und dabei nach persönlicher Bestätigung flehen, ohne überhaupt zu bemerken, dass sie das tun und dass sie mich damit bitten, das Gegenteil von dem zu tun, weswegen sie ursprünglich zu mir gekommen waren.
Manche werden böse, wenn ich sie nicht richtig “sehe” oder bemerke. Manchmal bekomme ich diesen Ärger sogar direkt ab. Manchmal lassen sie ihren Ärger in Social Media Kanälen ab, wo ihre Follower ihnen dann zustimmen können, dass sie doch recht mit ihrer Meinung zu mir haben. Zum Glück sehe ich sowas selten, aber von Zeit zu Zeit schon. Wenn ich sowas sehe, nervt mich das trotzdem ein klein bisschen. Aber, wenn man so überlegt, ist dieses genervt sein nur, weil mein Ego ein wenig angegriffen wurde, so wie ich ihr Ego angegriffen hatte. Ich weiß ja auch, wie es ist, in ihren Schuhen zu stecken.

Nishijima Roshi, wie die meisten Japaner, teilte nicht viel aus seinem persönlichen Leben. Genauer genommen, seine Misch-Persönlichkeit als Japaner und als Zen-Praktizierender sorgte dafür, dass er noch ruhiger war, als viele seiner japanischen Brüder und Schwestern. Aber je länger ich mit ihm praktizierte, desto mehr bekam ich auf natürlichem Wege von ihm mit.

Er hatte drei oder vier kleine schwarze Totems auf einem seiner Bücherregale stehen. Sie sahen aus wie kleine, japanische Miniatur-Grabsteine. Ich hatte ihn darüber mal gefragt und er sagte, sie seien für die Kinder, die er verloren habe. Soweit ich wusste, hatte er nur eine – lebende – Tochter. Er hat nie etwas über die anderen Kinder gesagt.

Er wurde in die japanische Armee eingezogen, als der zweite Weltkrieg begann. Er musste Angst um sein Leben gehabt haben, als das passiert ist. Zwei Jahre später war er einer der Glücklichen, die lebend den Krieg verließen. Er kam zurück und fand viele Teile seiner Heimat bis auf die Grundfeste zerstört wieder, einige davon verbrannt durch Strahlung der Atombomben.

Wie viele Freunde und Familienmitglieder während des Krieges gestorben waren? Darüber hat er nie geredet. Wir Amerikaner lieben es, unsere Geschichten mitzuteilen, um mit posttraumatischem Stress klarzukommen, obwohl die meisten von uns deutlich weniger miterleben mussten, als er. Ich weiß, dass wir das tun, weil ich das auch tue. Sogar ihm gegenüber.

Wenn ich diese kleinen Totems auf seinem Bücherregal gesehen habe, habe ich immer über all das nachgedacht und mir ist immer eingefallen, wie ich ihm vorgeworfen habe, dass er doch unmöglich verstehen kann, was ich durchgemacht habe. Ich habe mich danach zutiefst geschämt.

Ab diesem Zeitpunkt hatte ich aufgehört zu versuchen, dass er mich sieht und bemerkt, sondern habe stattdessen versucht zu sehen, was er sieht. Er war fast 50, als ich überhaupt erst geboren war. Während für ihn die ganze Welt verrückt geworden ist, waren meine größten Sorgen im gleichen Alter wie ich einen Job finde und meine Beziehungen halte. Oh und ich habe zusehen müssen, wie meine Mutter langsam an einer Krankheit starb, bei der es eine 50%ige Chance gibt, dass ich diese vererbt bekomme. Damit musste ich mich auch rumschlagen.

Trotz all der Dinge die mein Lehrer sehen und überleben musste, hat er nie versucht, Leid auf einer Skala darzustellen. Er hätte mich unterbrechen können, wenn ich wieder einmal meine Seele ausgeschüttet habe und mir sagen können, wie das alles nichts ist gegen das, was er erlebt hat und das hätte meine Geschichten schwach und trivial wirken lassen. Aber das hat er nie getan.

So habe ich gelernt, Leid nie zu vergleichen. Für die Person, die diese Dinge erlebt hat und dadurch leidet, ist dieses Leid absolut real. Selbst, wenn dieses etwas für mich wie nichts erscheint. Zudem sind die Dinge, die Leute erzählen, oftmals nur Ausblicke aus einer großen Anzahl anderer Probleme, über die sie nie reden würden – und wozu sie vielleicht nicht mal in der Lage wären, sie sich selbst zuzugeben. Ich kann niemals die Tiefe des Schmerzes eines Anderen verstehen, egal was diesen Schmerz auslöst.

Das, neben dem in den letzten Jahren immer mehr gewachsenen Verständnis, dass Jedermanns Leid auch mein Leid ist, führt dazu, dass ich Leid niemals messe und vergleiche.
Wenn ich Zazen in stickigen Tempeln oder auf eiskalten Böden saß, konnte ich beobachten, wie sich Teile meines Lebens und meines Leides präsentierten. Manchmal kam mir das vor wie ein Kaleidoskop. Einfach sich ständig vor meinen Augen verändernde Farben und Formen, ohne je eine feste Form anzunehmen. Aber manchmal erschienen meine Sorgen ganz klar. Irgendein Moment, den ich vergraben hatte. Worte, die ich hätte sagen sollen. Dinge, die ich hätte tun sollen. Worte, die ich niemals hätte sagen sollen. Dinge, über die ich nichtmal hätte denken sollen, die ich aber getan habe.
Und trotzdem zeigte mein Lehrer nie wirkliches Interesse daran. Anstatt ihn aber dafür in meinen Gedanken für sein Desinteresse zu rügen, habe ich mich angefangen zu wundern, warum er eigentlich kein Interesse zeigte. Weil ich durchaus spürte, dass er sich um mich sorgte. Aber wie konnte er sich um mich sorgen, wenn er meine Lebensgeschichte nicht kennt? Warum sich um jemanden sorgen, von dem er so wenig weiß?

Und warum sorgte ich mich so sehr um ihn, obwohl er mir nie Details aus seinem Leben mitteilte? Was war diese Beziehung? Es war wie keine zwischenmenschliche Beziehung, die ich je vorher erlebt hatte.
Was war es, dass wir teilten?

Die Antwort war einfach.

Wir nahmen beide die Praxis des sehr stillen Sitzens und das wir zulassen, dass sich das Leben vor uns selbst präsentiert, sehr ernst. Nicht viele Menschen wollen das. Vor allem, wenn man Jahre mit dieser, für die meisten Menschen, sinnlosesten Praxis der Welt verbringt. Was sie natürlich auch ist.

Er muss es sehr geschätzt haben, dass eine andere Person sich so sehr für so etwas ungewöhnliches interessiert. Vielleicht war das das, was uns verbunden hatte.

Als ich endlich verstanden hatte, dass uns das verband, änderte sich alles.