Das Medienvirus

Ich hatte geschworen, dass ich den “Erreger-der-Stunde” des Internets für die nächsten 10 Tage nicht anspreche, aber diesen Schwur breche ich jetzt – teilweise.

Der Grund, warum ich diesen Erreger nicht ansprechen wollte ist, dass ich einfach kein Experte bin, der sinnvolle Informationen anbieten kann. Die einzigen, potentiell nützlichen Informationen, die ich anbieten kann, habe ich bereits angeboten – dass Panik machen und verbreiten niemals sinnvoll ist und dass die tägliche Praxis des Zazen für mehrere Jahrzehnte es für mich einfacher gemacht hat, mich nicht in die Geschichten über Dinge, die eventuell in der Zukunft passieren könnten, zu verstricken. Damit meine ich swohl meine eigenen Geschichten, als auch die, die von anderen erfunden sind.

Ein Leser mit gut gemeinter Intention schlug vor dass, “keine Person besser für die physische Gefangenschaft (also auch die Quarantäne) geschaffen ist, als jene, die Zufriedenheit und Glück in der Meditation empfindet. Schotte dich selbst ab (in Quarantäne) mittels dieser niedrigen Voraussetzungen.” Ich verstehe nicht, was “niedrige Voraussetzungen” in diesem Kontext bedeuten.

Er schlägt außerdem vor, dass Meditationslehrer virtuelle Meditationszentren eröffnen sollten, sodass wir unsere Gruppe nicht möglichen Infektionsgefahren aussetzen.

Obwohl ich diese gut durchdachten Ratschläge schätze, habe ich nicht vor, mich in Quarantäne zu begeben. Ich arbeite eh von Zuhause aus und bin kein Partygänger oder eine sonderlich soziale Person per se. Ich befinde mich also bereits sowieso in einer Art Quarantäne. Aber ich lasse das Angel City Zen Center geöffnet und verfügbar für jede/n, die/der mutig genug ist, mit uns zu sitzen.

Die Medien sagen uns aktuell an jeder Ecke, dass wir Angst haben sollten vor dem, was da auf uns zukommen könnte. Das Gesundheitssystem könnte überlastet werden. Es könnte eine Knappheit der Medikamente geben. Das Schließen von Einrichtungen verschiedener Art könnte generell zu Knappheit von allem führen. Die Aktienkurse könnten fallen. Die Weltwirtschaft könnte zerbrechen. Der dritte Weltkrieg könnte ausbrechen – und natürlich können wir uns “das Virus” einfangen und deswegen sterben.

Geh nicht einkaufen. Setz dich in kein Flugzeug. Sitze nicht Zazen mit einer Gruppe.

Wo immer man hinschaut, sieht man detaillierte Beschreibungen, wie exakt diese Dinge passieren werden. Manche dieser Artikel habe ich sogar gelesen. Nachdem ich aber ein paar zu viele dieser Artikel gelesen hatte, bemerkte ich, dass ich keine Schritt-für-Schritt-Anleitung über den Ablauf jedes erdenklichen Katastrophenszenarios brauche. Ich habe eine sehr gute Vorstellungskraft und habe selbst Fiktion geschrieben. Ich kann mir sowas also selbst ausdenken. Genauer genommen, könnte ich wahrscheinlich sogar bessere und realitätsgetreuere Katastrophenszenarien schreiben, als manche Autoren, deren Artikel ich gelesen habe.

Das liegt daran, dass ich stark dazu neige, mir schlimme, aber durchaus plausible, zukünftige Situationen für mich auszudenken – kurz gesagt: Ich bin ein chronischer Über-Alles-Nachdenker. Ein dubioses Talent, von dem ich einst dachte, dass es mir die Karriere als Science-Fiction Autor ermöglichen würde. Das Problem war dabei, dass ich diese Fantasien so gut und überzeugend realistisch darstellen konnte, dass ich oftmals letztlich meine eigenen Geschichten geglaubt habe – auch wenn ich wusste, dass ich der Idiot war, der diese verdammten Geschichten überhaupt erst erfunden hat!

Als Menschen haben wir alle diese Fähigkeit, manche mehr, manche weniger. Ich habe das Gefühl, sie wurde uns in die Wiege gelegt. In früheren Zeiten haben vor allem DIE Menschen ihre Mitmenschen überlebt, die zukünftige Ereignisse und Gefahren zumindest erahnen und so vermeiden / verhindern konnten. Wir sind die Nachkommen dieser Menschen, die es am Besten hinbekommen haben, sich selbst Angst zu machen.

Unsere Medien bestehen aus den besten Geschichtenerzählern innerhalb einer Spezies der Geschichtenerzähler und einige der besten Geschichten machen uns Angst. Heutzutage ist der ökonomische Druck größer denn je, Angst machende Geschichten zu erzählen. Solche Geschichten generieren mehr Klicks – und mehr Klicks bedeuten mehr Geld. Für viele Schreiber ist heute der Lohn abhängig davon, wie viele Aufrufe ein Artikel bekommt. Der Clou: die Gefahr für die Schreiber ist nicht, dass sie mit zu wenig Aufrufen nicht reich werden, sondern dass sie nicht mal in der Lage wären, ihre Miete zu zahlen.

Wenn man sich umschaut, scheint jeder heute irgendwelchen Content zu erstellen. Wir alle wollen, dass unsere Instagram-Stories, unsere Facebook-Posts und Tweets und was auch immer besonders viele Aufrufe und Reaktionen hervorrufen. Also haben wir nicht nur ein paar Zeitungen und TV-Sender, die uns Angst machen wollen. Wir haben eine wahrhafte Armee von Bloggern, Postern und Youtubern (u.a.) die versuchen, uns so viel Angst wie nur möglich zu machen. “Die Medien” sind nicht mehr nur ein paar Leute, die hinter den Schreibtischen des Fernsehens, oder hinter Computern und Schreibmaschinen der Zeitungen sitzen – wir alle sind “die Medien”.

Aber es gibt natürlich auch vieles, wovor man tatsächlich Angst haben kann. Autounfälle, Grippewellen, an denen jährlich Tausende sterben, Luftverschmutzung, Terroranschläge, Waffen-Narren, Trump-Unterstützer, Bernie Bros, Meteoriteneinschläge, Alien-Invasionen… wie Dōgen einst vor langer Zeit sagte “Unser Körper ist wie der Tau auf dem Gras am Morgen, das Leben ist wie ein Blitz – in einem Augenblick verloren, blitzschnell verschwunden”.

Wo wir gerade von Dōgen sprechen, dieser starb mit 53 Jahren an einer Krankheit, von der er weder die Ursache, noch den Namen wusste. Pandemien waren zu dieser Zeit allgegenwärtig. Positiv war, dass sich keiner Gedanken machen musste, ob das Gesundheitssystem überlastet werden könnte, da es dieses nicht gab.
Die Theorie über Bakterien und das Wissen über die Existenz von Viren war noch Jahrhunderte entfernt. Die Menschen zu Dōgens Zeit wussten nicht mal, dass es hilft, sich die Hände zu waschen und sich nicht ins Gesicht zu fassen. Obwohl ich hier erwähnen muss, dass Buddhisten zu den Ersten zählten, die den Wert von Körperpflege und grundlegender Hygiene erkannten. Dōgen hat dazu ein ganzes Kapitel im Shōbōgenzō geschrieben.

Es mag unmöglich sein, sich nicht über die Zukunft Gedanken zu machen. Ich habe zumindest nie eine Möglichkeit gefunden. Aber ich habe eine Möglichkeit gefunden, nicht meinen eigenen Gedanken zu glauben und das hat eine Menge Arbeit gebraucht. Eines der größten Hindernisse daran war, dass man lernen muss, den Gedanken, die einem gefallen, genauso wenig zu glauben wie jene, die einem missfallen. Die guten Gedanken zu behalten, während man die schlechten wegwirft, das funktioniert nicht.

Um auf den Virus-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf zurückzukommen, klar mache ich mir da Sorgen. Aber ich glaube auch an das Karma. Ich bin aber nicht dumm, ich wasche mir mehr als sonst meine Hände und ich versuche, mein Gesicht nicht so oft zu berühren, basierend auf dem Artikel eines Fans meiner Bücher. (Link https://www.motivationselfmanagement.com/2020/03/01/mindfulness-face/).

Ich gehe immer noch raus, gehe ins Zen-Center, ins Fitnessstudio, kaufe meine Lebensmittel im Laden und lebe mein Leben. Hoffen wir, dass alles gut geht!