Wie Zazen funktioniert: Eine vorläufige Hypothese

Das folgende ist eine Idee über die ich schon einige Jahre brüte. Ich offeriere sie hier nur als eine Art Gedankenspiel und nicht als eine endgültige Erklärung. Vermutlich ist diese Hypothese nicht ganz richtig, aber dennoch fand ich sie die letzten Jahren sehr nützlich, um zu verstehen wie der Prozess des Zazen in etwa abläuft.

In der Shikantaza (nur sitzen) Zazen Variante, wird einem gelehrt die Vorgänge im Gehirn zu ignorieren. Wie Uchiyama Roshi es in seinem Buch beschreibt: „Gedanken sind nur Sekretionen des Gehirns, sowie im Magen Magensäfte sekretiert werden.“

Die Zazen praktizierende Person wird dazu aufgefordert, Gedanken die das Gehirn produziert so zu sehen wie jede andere Art Routine von Abläufen im Körper. Manchmal benötigen diese Abläufe Aufmerksamkeit, zum Beispiel wie ein stechender Schmerz in den Nieren Aufmerksamkeit benötigen würde. Aber im Allgemeinen kannst du diese Abläufe einfach passieren lassen ohne sie zu beachten oder dir Sorgen machen zu müssen.

Am Anfang ist es noch schwierig, es kann sogar unmöglich erscheinen. Und es ist unmöglich.

Aber es ist auf die gleiche Weise unmöglich wie es unmöglich ist, zum ersten mal die Gitarre zu nehmen und Black Star von Yngwie Malmsteen zu spielen, oder wahrscheinlich jedes mal in den ersten fünf Jahren die du versuchst Gitarre zu spielen. So etwas zu spielen erfordert viel Geduld und Übung. Was sich sehr einfach sagen aber schwer in die Tat umsetzen lässt.

Der größte Unterschied zwischen lernen Zazen zu praktizieren und lernen wie man Black Star spielt, ist dass das lernen von Musikstücken generell Aufmerksamkeit verlangt. Bei Zazen bist du gefordert jegliche Absicht die du für deine Praxis hast zu vergessen.

Natürlich hat jeder irgendwelche Absichten. Du lernst irgendwann sie bei Seite zu lassen. Das machst du mit einem Versuchs- und Irrtums Verfahren bis es irgendwann zu einer Gewohnheit wird.

Wie dem auch sei, nach einer Weile lernst du deinen Gedanken nicht länger Aufmerksamkeit zu schenken. Und weil du ihnen keine Aufmerksamkeit mehr schenkst, werden sie allmählich ruhiger. Nachdem die oberflächlichen Schichten der Gedanken sich gesetzt haben, kommen tiefere Schichten zum Vorschein. Es ist als würde man eine Zwiebel schälen. Unter jeder Schicht ist noch eine.

Die tieferen Gedankenschichten tendieren dazu sonderbarer und faszinierender zu sein, als die oberen Schichten. Evtl. neigst du dazu tiefer zu gehen und dich in ihnen zu verstricken. Manche tieferen Schichten können so komisch sein, dass du glaubst du hättest irgendein uraltes Geheimnis gelüftet. Vielleicht hast du das sogar, aber unter all dem ist noch viel mehr. Ein Lehrer der durch dieses Prozedere gegangen ist kann dir helfen.

Gleichzeitig lernst alles was so auftritt zu ignorieren, Geräusche, Gefühle und die vielen Impulse die aufkommen, etwa so wie der Impuls aufzustehen um etwas anderes zu tun. Das ganze widerspiegelt die alte Formel des frühen Buddhismus über die fünf Skandhas; Form, Gefühl, Wahrnehmung, Impulse und Bewusstsein. Ich bin mir nicht sicher ob du dich an dieser Stelle genauer darüber informieren solltest, ich wollte es nur mal anmerken.

Ich denke, während dieser Prozess sich fortsetzt begegnest du eine unverfälschtere Art der Erfahrung.

Gewöhnliche Erlebnisse in deinem Alltag sind nicht mehr so durch deine Gefühle oder Gedanken an sie gefiltert. Deine Impulse die Erfahrung die du im Augenblick hast zu ändern, erscheinen dir nicht mehr wichtig. Selbst sensorische Wahrnehmungen deiner Erfahrung sind irgendwie nur… da. Sie bedeuten nicht mehr so viel. Du weißt dass selbst deine sensorischen Wahrnehmungen von dem was gerade geschieht, nicht unbedingt wahr sein müssen, oder jemals komplett sind. Es spielt sich einiges ab, das deine Sinne entweder nicht erfassen oder nicht in voller Gänze vermitteln können. Deine Sinneswahrnehmung ist nicht mehr so überzeugend wie sie einmal war.

Sobald du dich mal daran gewöhnt hat nehmen deine Erfahrungen komplett andere Ausmaße an. Nichts ist mehr so wie du dachtest oder fühltest. Oder so wie deine Sinne es deinem Gehirn vermitteln wollen. Außerdem weißt du, dass alles was jetzt geschieht so ist wie es ist und nicht anders sein muss*.

Etwas anderes spielt sich ab.

Wenn du das lange genug machst kommt vielleicht der Moment wenn alles was deine bestimmten Sichtweisen bildet — das „Ich“ das du in deinem Kopf mit dir trägst — irgendwie einfach weg fällt.

Es ist immer noch da. Es ist nicht verschwunden. Aber es ist nicht mehr wichtig.

Dies ist der Moment wenn du realisierst, dass das Universum von dem du sonst glaubtest es sei von dir getrennt, in Wahrheit mehr „du“ bist als was du dachtest was „du“ je sein könntest.

*Natürlich ist es so, dass manche Dinge verändert werden müssen. Aber du kannst nichts auf effektive Weise ändern ohne zuerst die Realität so zu akzeptieren wie sie ist.