Tod und Träumen

Es gibt keinen Gott. Ist offensichtlich. Aber vielleicht gibt es Gott. Das ist vielleicht auch offensichtlich.

Es geht darum, eine gewisse Betrachtungsweise zu lernen. Wenn man lernt, wie man bestimmte Dinge betrachten kann, dann kann man sie auch nicht mehr verneinen.

Du denkst jetzt vielleicht, ich will Dir ein bestimmtes Glaubenssystem lehren. Weil das so das Übliche ist, wenn man solche Behauptungen aufstellt. Wenn man zum Beispiel glaubt, dass die schiere Existenz des Planeten Erde Gottes Allmacht belegt, dann kann man sein Hand überall auf der Erde wirken sehen.

Aber davon rede ich nicht. Ich rede davon für einen echt langen Zeitraum einfach still zu sitzen. Den Körper und den Geist bei der Arbeit zu beobachten. Ohne zu werten. Ohne zu versuchen, dem Hirn zu erklären, was es tun soll. Ohne überhaupt irgendetwas verstehen zu wollen. Langsam wird dann einiges offensichtlicher. Zum Beispiel Deine Unfähigkeit jemals irgendetwas davon richtig zu verstehen.

Letzte Woche war ich in Akron, wegen eines Auftritts mit Zero Defex und um bei der Veröffentlichungsveranstaltung der DVD-Version meiner Dokumentation „Cleveland’s Screaming“ dabei zu sein. Während meines Aufenthalts hatte ich einen Traum über den Tod.

In diesem Traum grübelte ich über die Natur des Todes nach. Aber vom Traum-Blickwinkel aus, nicht vom Wach-Blinkwinkel aus. Als ich aufwachte, bemerkte ich, wie meine Traumwelt zerfiel, zerriss und auch mein Traum-Körper dahin schmolz.

Doch etwas in meinem Innersten veränderte sich nicht. Es zog einfach um von der einen Welt in die andere. Ich blieb ganz, nur die Welt um mich herum schien zu zerbröseln. „Ich“ ist wahrscheinlich das falsche Wort. Das meiste von dem was mein Traum-Ich ausmachte, verschwand um es herum. (Um „mich“ herum.)

Und während das vonstatten ging, kam es mir in den Sinn, das der Tod vielleicht ähnlich ist. Es erscheint uns Lebenden, dass die Sterbenden einfach zerfallen, während wir intakt bleiben. Sie verlieren ihren Verstand. Sie lallen komische Sachen. Und wir sagen: „Ooooch. Der arme Kerl! Ich werde ihn so vermissen!“

Aber vielleicht stellt sich das aus der Perspektive des Toten anders dar. Vielleicht erscheint es dem Sterbenden, dass wir – die Lebenden – auseinanderfallen, sich einfach auflösen, während er intakt bleibt und eine andere Art von Welt um ihn erscheint. Auch wenn alles, was er für „Ich“ hielt auch wegschmilzt. Vielleicht gibt es ja in meiner Traumwelt sogar Leute, die mich gerade traum-beerdigen.

Klar, das könnte gut und gerne einfach Bockmist sein. Vielleicht einfach mein Wuschdenken, das da in den Traum hineinsickert. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht war das einfach ein dummer Traum und mehr nicht.

Der Grund, warum ich euch das erzähle, ist die Überzeugung, dass es für diese Übung, die ich da für den Großteil meines Lebens betrieben habe, vor allem eines braucht: Totale Aufrichtigkeit.

Ich hätte diese Geschichte auch ganz anders erzählen können. In einem schönen Rahmen als Erkenntnist über die wahre Natur des Todes und des Sterbens. Ich hätte einfach jede Spur des Zweifels ausradieren können und euch eine Geschichte präsentieren können wie ich ins Tal des Todes hinab gestiegen bin und euch von dort Geheimwissen über seine Gestalt mitgebracht habe.

Einige hätten mich dann verspottet. Aber immer noch genug von euch hätten mir das abgekauft. Scheiße! Ich könnte Millionär sein, wäre ich nur besser darin, Menschen davon zu überzeugen, dass einige meiner Einsichten aus der Meditation die Wahrheit sind. Die absolute Wahrheit. Wenn ich so den Müll lese, denn Leute, die wirklich Millionen scheffeln als göttliche Wahrheit verkaufen – meine Güte, das ist doch Kinderkram!

Aber wenn ich das tun würde, würde ich euch belügen und mich deswegen schlecht fühlen. Na ja, vielleicht könnte mich die eine oder andere Million eine Zeitlang von meinen schlechten Gefühlen ablenken. So eine hübsche Villa in den Bergen von Hollywood, mit einem Swimming Pool und einer Aussicht über das San Fernando Valley kann einen über das eine oder andere ganz gut hinwegtrösten, denke ich. Ach was, sogar mein 48 qm-Mietbungalow in Silver Lake tröstet mich über so manches hinweg.

Aber Akron in Ohio ist nicht Los Angeles. Es ist immer ganz gut, dahin zurück zu kehren, wo ich herkomme. Um mich daran zu erinnern, wie sich das „wahre“ Amerika so anfühlt. Wenn man so durch Akron läuft, dann versteht man, warum die Leute hier für Trump gestimmt haben. Und warum genau die selben Leute vorher Obama gewählt haben. Sie brauchen jemanden, der das repariert hier. Sie brauchen jemanden, der ihnen hilft, damit ihre Stadt wieder funktioniert. Dass alles wieder in Ordnung ist.

Während meines Aufenthalts in Akron habe ich bei einem Freund gelebt, dessen Wohnung doppelt so groß war wie meine, aber nur die Hälfte kostet. Am dritten Tag habe ich dann meine Freund ins Krankenhaus gefahren. Weil er Diabetiker ist und trotzdem nicht aufhört zu saufen, was seine Bauchspeicheldrüse zerstört. Daran wird er sterben, wenn er nicht aufhört.

Andererseits: Warum sollte er aufhören? Er hat den Magister in zwei Studiengängen, aber immer noch keinen Job. Er ist ein brillanter Autor, aber niemand will ihn veröffentlichen. Er ist einer der besten Rcok-Drummer überhaupt, aber er findet keine Band, die mit ihm zurechtkommt. Weil er halt ein Diabetiker ist, der nicht aufhört zu trinken und deshalb unerträglich.

Und seine Stadt ist im Arsch. Klar, es ist viel besser als vor ein paar Jahren, aber Akron ist immer noch im Arsch.

Los Angeles auch. Aber hier spielen wir uns einfach vor, dass wir eines Tages entdeckt werden und dann unsere Träume wahr werden. Darum bin ich wieder hierhin gezogen. Eines Tages wird vielleicht irgend jemand bemerken, dass ich der beste englisch-sprachige Autor im Bereich Zen-Buddhismus bin.

Ihr denkt jetzt wahrscheinlich, dass ich angebe. Dabei beklage ich diesen Umstand. Es macht mich tieftraurig, dass es keine besseren Autoren in diesem Fachgebiet gibt als mich. Ich wünschte wirklich sehr, das wäre anders. Aber ist es nicht.

Wenn das nicht traurig ist, dann was? Da gibt es diese hochgradigst vernünftige und unmittelbare philosophische Tradition die sich je mit Themen wie Gott und dem Universum auseinandergesetzt hat und das Beste, was die angelsächsische Kultur hervorbringt, um darüber zu berichten ist ein Idiot wie ich, der Zeichentrickserien liebt wie „Rick and Morty“ und Plastik-Dinosaurier sammelt? Das ist doch hochgradig tragisch. Ich meine das im vollen Ernst.

So sitze ich also hier an meinem Küchentisch. Im Hintergrund läuft das neue Album von Father John Misty. „Pure Comedy“. Wenn er es schafft, noch zwanzig Jahre durchzuhalten und nicht zu berühmt wird, dann könnte er so gut werden wie Robyn Hitchcock. Aber wahrscheinlich erwischt ihn der Ruhm vorher.

Sie versuchen Dich zu ermorden, Father John Misty. Sie wollen Deine Großartigkeit mit Geld und Sex und Macht ersäufen. Du hattest schon Deine Auftritt bei „Saturday Night Live“, also ist es wahrscheinlich schon zu spät.

In ein paar Wochen gibt es hier in Los Angeles eine Veranstaltung namens „BuddhaFest“. Klar, niemand hat mich eingeladen. Ich wußte bis vor einer Woche nicht einmal davon. Warum sollten sie auch gerade mich kontaktieren? Ich spiele in ihrer Welt keine Rolle.

Ist aber, ehrlich gesagt, auch so in Ordnung. Ich glaube, ich gehe besser nicht auf solche Veranstaltungen. Das sind Orte, wo die guten Lehrer leer gesaugt werden und die Schlechten zu Superstars gekürt werden. Und dann denken sie, sie wüssten tatsächlich etwas, dass wir alle nicht schon längst wüssten.