Manchester

Im Laufe der letzten Jahre habe ich einen nicht unerheblichen Teil meiner Zeit in Manchester verbracht. Vor sieben Jahren hat mich Matt Ryan von „Yoga Manchester“  zum ersten Mal eingeladen dort eine Veranstaltung zu leiten. Seitdem bin ich praktisch jedes Jahr wieder da. Durch die Gegend, in der letzte Nacht die Bombe hochgegangen ist, bin ich schon ein paar Mal spaziert. Bei der Explosion kamen 22 Menschen ums Leben.

Als Tatverdächtigen hat man Salman Abedi festgenommen, einen 22 Jahre alten, britischen Sohn libyscher Einwanderer. Es heißt, Abedi hätte in der Moschee in Didsbury gearbeitet. Der IS hat die Verantwortung für dieses Attentat übernommen, sie behaupten also, Abedi wäre einer der ihren. Der Selbstmörder zündete eine Splitterbombe, um maximalen Schaden anzurichten und möglichst viele Menschen zu töten.

Abedi wuchs in Whalley Range auf. Wenn ich in Manchester bin, dann wohne ich bei Matt, der lebt auch in Whalley Range. Deshalb ist das eine der wenigen Gegenden, in denen ich mich einigermaßen auskenne. Und eben noch die Gegend, wo die Bombe explodierte.

Es ist sehr schwierig zu verstehen, was einen jungen Mann dazu motiviert, solch eine schreckliche Tat zu begehen und sein eigenes Leben dabei zu opfern. Sicher bekommen wir in den nächsten Tagen noch viele Details zu der Geschichte geliefert, aber ich bezweifele, dass uns das helfen wird zu verstehen.

Sicher ist nur, dass solche Attentate in letzter Zeit gehäuft auftreten und dass sie in der Regel motiviert sind durch eine sehr spezifische Ideologie, nämlich einer, die sich auf die islamische Religion und den Propheten Mohammed beruft.

Natürlich gibt es auch andere Ideologien, die andere Menschen in anderen Zeiten zu ähnlich grausamen Taten veranlasst haben. Die IRA hat in den Siebzigern ein beträchlichte Anzahl britischer Bürger durch ähnlich geartete Angriffe ermordet und sie waren keinesfalls Muslime, sondern meistens Katholiken. Ich sollte ergänzen, das die IRA sich dabei aber nicht auf religiöse Lehren berufen hat. Es gibt noch haufenweise andere Beispiele von terroristischen Anschlägen, die nicht von Muslimen verübt worden. Einige davon sogar von Buddhisten.

Es ist natürlich wahr, dass die allermeisten Muslime nicht Terroristen sind. Die Mutter eines meiner engsten Freunde ist Muslima, aus dem Iran, und natürlich ist sie keine Terroristin.

Aber wir sollten auch nicht so tun, als gäbe es überhaupt keine Verbindung zwischen Islam und Terrorismus. Das wäre genauso lächerlich wie die Behauptung alle Muslime wären per se Terroristen.

Ich will hier nicht wirklich diskutieren, ob der Terrorismus ein integraler Bestandteil des Islam ist, das kann ja Sam Harris tun. Scheint mir aber eine überflüssige Diskussion zu sein. Die Bibel preist Gewalt in vielen, vielen Versen und es gibt genug Beispiele für Christen, die genau solche Zitate als Rechtfertigung verwendet haben, um schlimme Dinge zu verrichten. Umgekehrt gibt es genug Muslime, die der Meinung sind, die gewaltverherrlichenden Passagen des Korans seien nicht wörtlich zu interpretieren.

Ich weiß, ob Salman Abedi glaubte, er würde im Paradies aufwachen, umringt von seiner Belohnung, den 72 Jungfrauen. Ich bezweifele das. Selbst wenn das eine Rolle gespielt hat: Niemand verwandelt sich von einer nicht-gewaltbereiten Durchschnittsperson in einen Selbstmord-Attentäter, bloß weil ihm jemand 72 Jungfrauen im Himmel als Belohnung verspricht. Das ist mir zu simpel gedacht.

Ich weiß aber, dass es nicht das Paradies ist, wo sich Salman Abedi jetzt befindet. Und es gibt auch keine 72 Jungfrauen für ihn. Eher erleidet er gerade selber jeglichen Schmerz, den er verursacht hat. Und er wird weiter leiden, bis diese schwere Last komplett weg gebrannt ist. Niemand, auch nicht Gott, kann ihm das abnehmen.

Ich weiß, das klingt für euch verrückt. Oder wie ein religiöse Vorstellung. Falls das so ist, kann ich euch wahrscheinlich nicht von etwas anderem überzeugen, also lasse ich das einfach. Andere von euch mögen ähnlich denken, weil sie das so irgendwo gehört oder gelesen haben. Ist auch in Ordnung. Ich behaupte das, weil ich weiß, dass dies eine unleugbare Wahrheit ist. Weil es nicht anders sein kann.

Wir sind alle so intensiv miteinander verbunden, dass „Verbundenheit“ eigentlich der falsche Begriff ist. Es wäre treffender zu sagen, wir sind alle Teile eines unteilbaren Ganzen, dass jeden Menschen beinhaltet der jemals lebte oder jemals geboren werden wird. Dieses Ganze beinhaltet auch noch mehr als nur Menschen, aber bleiben wir erst einmal bei diesem menschlichen Teil.

Wenn wir anderen Schaden zufügen, dann schaden wir uns selber. Es ist nicht so, dass dieser Schaden eines Tages zu uns „zurückkehrt“. Das wäre eine Illusion. Jemanden genau jetzt zu schaden ist sich selber genau jetzt zu schaden. Als Salman Abedi den Knopf seiner Selbstmordweste betätigte, schadete er sich selber um vieles mehr als er jemandem anderem schadete.

Die Idee des Karma steht heute in buddhistischen Kreisen im Westen auf wackeligen Füßen. Es wird als eine irrationale Glaubensvorstellung abgekanzelt, die wir am besten ignorieren sollten, um einfach in Ruhe weiter zu meditieren. Aber selbst, wenn man annimmt, dass es sich um eine unbegründete Vorstellung handelt, dann ist es – für eine unbegründete Vorstellung – eine recht gute.

Klar, die Vorstellung, dass alle Menschen eins sind und wir durch Karma miteinander verbunden sind, kann leicht missbraucht und in etwas Schreckliches verwandelt werden. Aber dazu muss man sein Hirn schon deutlich mehr anstrengen, als bei dem Konzept, wir wären alle einzigartige, individuelle und unsterbliche Seelen. Selbst, wenn ich nicht wüsste, dass Karma und unsere Verbundenheit miteinander wahr sind, würde ich es immer noch vorziehen, diese Vorstellung zu lehren. Ich würde dann so tun, als würde ich an Karma und die Einheit alles Lebenden glauben, einfach weil ich überzeugt bin, dass das eine gute Vorstellung ist und es richtig ist, diese Vorstellung anderen zu vermitteln. (Und faktisch habt ihr keine Gewissheit, dass ich nicht das genau jetzt tue.)

Es scheint, als müssten wir Menschen immer irgendeiner Ideologie folgen. Aber eine Ideologie, die auf der Wirklichkeit basiert ist besser als eine, die das eben nicht tut.

Es gibt keine Möglichkeit, dass jemand, dessen Vorstellungen in der Wirklichkeit verankert sind, jemals annehmen könnte, es sei eine gute Sache, sich inmitten von jungen Konzertbesuchern in die Luft zu jagen! Das ist, objektiv und subjektiv und in jeder nur vorstellbaren Art und Weise eine schlechte Sache. Es gibt keine Situation, und es gab nie eine und wird nie eine geben, die so verzweifelt ist, dass sie es rechtfertigt, sich mitten in einer Menschenmenge, die ein Konzert verlässt, selber zu sprengen. Und genauso wenig kann solch eine Tat jemals etwas Gutes bewirken.

Trotzdem konnte sich Salman Abedi selber davon überzeugen, dass genau das eine gerechtfertigte Sache wäre. Wir werden nie erfahren, warum genau er davon ausging. Aber selbst, wenn seine Selbst-Rechtfertigung nichts mit dem Islam zu tun hätte und er sich bloß an der Welt hätte rächen wollen, können wir davon ausgehen, dass er sich eben selber davon überzeugte, dass wäre die richtige Entscheidung. Das bedeutet, wir können mit Sicherheit behaupten, dass er vollkommen von der Wirklichkeit abgeschnitten war.

Es gibt keine einfache oder schnelle Lösung für das Problem, dass viele, viele Menschen auf dieser Welt – Menschen aller Rassen und aller Religionen – von der Wirklichkeit abgeschnitten sind.

Doch es gibt eine sehr langsame und sehr schwierige Lösung: Wir müssen darauf achten, dass wir alle selber nicht unsere Verbindung mit der Wirklichkeit verlieren und auch anderen lehren, genau das auch zu tun.