Ist der „Weiße Buddhismus“ kulturelle Aneignung?

Neulich habe ich auf Facebook gepostet: „Buddha ist nicht nur die historische Figur namens Buddha (Oder Siddharta. Oder Gautama. Oder Shakyamuni. Der hatte echt einen Haufen Namen!) Sondern wir sind alle Buddhas. Es ist nur so, dass das nur wenige wahrnehmen und noch viel wenigere können ihr eigenes inneres Buddha-Sein verwirklichen.

Das hat dann jemand geteilt und einer dessen Freunde kommentierte dazu Folgendes:

„Ach, bitte, Du weißer amerikanischer Typ, erkläre mir noch einmal, was Buddhismus ist! Er kennt den weißen Buddhismus, er ist kulturell aneignend und er lebt davon, eine Kultur zu definieren, der er gar nicht angehört – wegen seiner vielfältig gescheiterten geschäftlichen Unternehmungen und Bands – und ich habe keine Probleme damit, dass er sich für einen Buddhisten hält. Aber ich habe ein Problem mit jedem Amerikaner, der uns den Buddhismus definiert, obwohl er gar nicht zu dieser Kultur gehört.“

Das ist nicht das erste Mal, dass ich höre, etwas das „Weißer Buddhismus“ genannt wird, sei ein Beispiel für etwas, dass „kulturelle Aneignung“ genannt wird. Und ich werde auch nicht zum ersten Mal beschuldigt, eben ein Teil dieser schrecklichen Sache zu sein.

Ich mag den Ausdruck „kulturelle Aneignung“ nicht. Das ist eine clevere Methode Rassismus unter dem Deckmantel des Anti-Rassismus zu verstecken. Es besagt, dass sich Kulturen nicht mischen sollten: Weiße sollten nur Weißensachen mögen, Schwarze sollten nur Schwarzensachen mögen, und so weiter…

Irgendwann in den Achtzigern habe ich einmal eine Fernsehsendung des Ku Klux Klan gesehen. Da behaupteten sie, dass „Weiße“ nicht an und für sich überlegen sind, sondern dass sich die Rassen nicht mischen sollten. Die Idee einer „kulturellen Aneignung“ sagt so ungefähr das Gleiche.

Abgesehen davon, sollten wir uns aber trotzdem fragen, ob „Weißer Buddhismus“ kulturelle Aneignung ist oder nicht.

Stellt man diese Frage, muss man aber auch ein paar andere Fragen stellen. Ist der japanische Buddhismus kulturelle Aneignung? Ist der chinesische Buddhismus kulturelle Aneignung? Sind der tibetische Buddhismus, der thailändische Buddhismus oder der Buddhismus in Sri Lanke kulturelle Aneignung? Denn in keiner dieser Kulturen ist der Buddhismus entstanden.

Das moderne Indien besteht aus vielen Kulturen und Ethnien, jede mit eigener Sprache und einmaligen Sitten und Gebräuchen. Die historische Figur Buddha gehörte zum Clan der Shakya und es wird durchaus diskutiert, ob seine Heimat in dem Land liegt, dass wir heute Indien nennen oder in dem, dass wir heute als Nepal bezeichnen. Vielleicht könnte man sich sogar fragen, ob der indische Buddhismus kulturelle Aneignung bedeutet.

Aber das tut er nicht. Keiner dieser Buddhismen ist eine kulturelle Aneignung. Auch nicht der „weiße“.

Der Buddhismus war von Anfang an eine missionarische Religion. Ich weiß, ich weiß, ich sage immer, der Buddhismus sei gar keine Religion. Aber – zugegeben – irgendwie ist er eine Religion und irgendwie auch nicht. Und in dem Sinne, dass der Buddhismus schon immer etwas wie „Missionare“ hatte, ist er eine Religion.

Buddha selber beschloss, dies, was er da erfahren hatte, auch anderen Leuten zu lehren. Und er machte dabei keinerlei Unnterschiede zwischen Kaste, Hautfarbe, Kultur oder Geschlecht. Er glaubte, jeder Mensch könne genauso erleuchtet werden wie er selber. Also unternahm er jegliche Anstrengung, um das, was er da gelernt hatte, so weit wie möglich zu verbreiten.

Als er gestorben war, fuhren die Leute, denen er seine Erkenntnisse gelehrt hatte, fort damit, seine Methode und seine Philosophie zu verbreiten. Buddhistische Missionare lehrten europäischen „Weißen“ ihre Religion lange bevor es christliche Missionare überhaupt gab. Das war nicht besonders von Erfolg gekrönt, wofür man aber nicht mangelnden Einsatz verantwortlich machen kann. Als sie im Mittelalter versuchten in Osteuropa wenigsten eine kleine Gefolgschaft aufzubauen, machte die katholische Kirche Buddha kurzerhand zu einem Heiligen.

Jede Kultur, die den Buddhismus adaptiert hat, änderte ihn auch in erheblichem Maße. Als britische Forscher zum ersten Male versuchten, die Religionen und Asiens zu verstehen, entging ihnen zuerst dass bestimmte Glaubensrichtungen in Indien, Nepal, Tibet und China in Wahrheit nur Varianten einer einzigen Religion waren.

Tatsächlich ist genau genommen das Wort „Buddhismus“ selber eine Erfindung der Briten. Bevor diese begannen, alle diese Glaubensformen als „Buddhismus“ zu bezeichnen, war niemand auch nur auf die Idee gekommen. Mein Lieblingsbuch zu diesem Thema ist: „The British Discovery of Buddhism“ von Philip C. Almond. Ein weiteres gutes Buch zu dem breiten Spektrum verschiedener Buddhismen ist „Buddhist Religions: A Historical Introduction“ von Richard H. Robinson, Willard L. Johnson und Thinassaro Bhikku (Geoffrey DeGraff).

Ich bin der Meinung, es ist eines der besten Dinge, die dem Buddhismus in den letzten Jahren widerfahren konnte, dass er von „Weißen“, „Schwarzen“, „Eingeborenen“, „Levantinern“ und von „Asiaten“, die fern von Asien aufwuchsen, studiert und angewandt wird. Das hat ihn im Westen von etwas Exotischem und Fremden in etwas verwandelt, was durchaus real und praktikabel ist. Und das ist haargenau das, was der historische Buddha und seine Anhänger genau so gewollt hätten. Wenn Du dazu mehr wissen willst, empfehle ich: „The Making of Buddhist Modernism“ von David L. McMahan.

Ich habe elf Jahre in Japan gelebt. Davon hatte ich die längste Zeit in keinster Weise die Absicht, je wieder in die USA zurück zu kehren. Als Einwanderer und Teil einer ethnischen Minderheit versuchte ich angestrengt ein Teil der Kultur zu werden, in der ich da lebte. Man sagt, dass man in Japan aber immer Außenseiter bleiben wird. Mag sein. Aber ich war wahrscheinlich so sehr nicht Außenseiter, wie man das als jemand, der nicht in Japan geboren wurde nur sein kann. Ich hatte das Japanische so gründlich verinnerlicht, dass ich, als ich eine richtiggehenden Kulturschock bekam, als ich zurück kam in „meinen“ Kulturkreis. Den ich so auch kaum wieder erkannte. Vielleicht spielt es da auch eine Rolle, dass ich schon einen Großteil meiner Kindheit in Afrika verbracht hatte.

Eigentlich glaube ich nicht, dass es kulturelle Aneignung gibt. Aber selbst falls doch, kann man doch niemand dessen anschuldigen, wenn derjenige von einer Person eben dieser anderen Kultur aktiv dazu aufgefordert wurde, ein spezielles kulturelles Gut anzunehmen. Ich bin mit großer Sicherheit nicht der einzige „Weiße“, der von einem „Asiaten“ ermutigt wurde, sich dem Buddhismus zu öffnen und ihn in der Art und Weise auszudrücken, wie es in meiner, mir durch Geburt eigenen Kultur angemessen ist.

Der „Weiße Buddhismus“ ist auf der Buddhismus-Party ein ziemlicher Nachzügler. Aber sollte man nur eine dieser Ausprägungen als kulturelle Aneignung einstufen, dann müsste das für alle Buddhismen gelten. Und damit wäre der Ausdruck „kulturelle Aneignung“ völlig ohne Bedeutung.