Ein großer Knall und ein buddhistisches Rätsel

Gestern ist Elons Musks Rakete explodiert, wobei er annähernd 780 Millionen Dollar verloren hat.

Anscheinend war ein Satellit von Facebook mit an Bord. Mich erstaunt es, dass Facebook einen Satelliten hatte. Oder, dass irgendjemand 780 Millionen Dollar hat. In beiden Informationshäppchen kann ich nicht viel Sinn erkennen.

Aber während ich das gelesen habe, hatte ich das Gefühl: Den Namen „Elon Musk“ kenne ich doch von irgendwo her. Also habe ich ihn nachgeschaut und erinnere mich jetzt, wann ich von ihm gehört habe.

Er war der Typ, der meinte, wir leben alle in einer Computersimulation aus dem Jahre 10.000 v.u.Z. O.k., zugegeben: Ich umschreibe das etwas. Aber hier ist das Musk-Zitat, dass vor ungefähr zwei Monaten im Interweb die Runden zog:

Wenn man nur einen gewissen Grad an Verbesserung annimmt, dann werden Computerspiele irgendwann von der Realität nicht mehr zu unterscheiden sein, selbst, wenn die Verbesserungsrate auf ein Tausendstel der heutigen fallen sollte. Als nächstens stellen wir uns vor, wie das in 10.000 Jahren wäre, für die Evolution ein kleiner Maßstab.

Wenn wir zugestehen, dass wir eine Entwicklung haben, die Spiele nicht mehr unterscheidbar von der Realität machen wird und dass solche Spiele auf jeder Konsole oder jedem PC gespielt werden können und dass es wahrscheinlich Milliarden solcher Konsolen oder PCs geben wird, dann könnte man daraus folgern, dass die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in der Basis-Realität befinden eins zu Milliarden wäre.“

Ihr könnt den Artikel, aus dem dieses Zitat stammt hier lesen. Das passiert, wenn jemand so schlau ist, dass er schon wieder dumm ist, wenn ihr mich fragt.

Aber die Raketenexplosion und die Ideen von Elon Musk, dass wir in einer Computersimulation leben erscheinen wie eine heutige Versione eines alten Zen-Geschichte.

Die Geschichte findet sich im „Shobogenzo“, in dem Kapitel „Eine strahlende Perle“. Die Übersetzung meines Lehrers Gudo Nishijima und seines Schülers Chodo Mike Cross findet sich hier. Ich habe auch in meinen Büchern „Sit Down and Shut Up“ und „Don’t Be a Jerk“ darüber etwas geschrieben. Hier also ein Ausschnitt, wie ich diese Geschichte in meiner Beschreibung in „Don’t Be a Jerk“ zusammen gebastelt habe:

Bevor er ein Zen-Meister war, erstieg Gensa Shibi den Berg Seppo und wurde Schüler bei Meister Seppo Gison (Xuefeng Yicun, 822-907 v.u.Z.). Dort wurde er bald bekannt für sein intensives Üben und seine fast sturköpfige Hingabe.

Aber nachdem er einige Zeit bei Seppo gelernt hatte, meinte Gensa, es wäre nun an der Zeit, andere Lehrer aufzusuchen, um seine Ausbildung abzurunden. Also packte er seine Taschen und brach auch zum Tor des Tempels.

Genau in diesem Moment stoß er sich den großen Zehen an einem großen Stein. Überall war Blut und es schmerzte wie Hölle. „Wenn der physische Körper nicht existiert, wo kommt dann nur dieser Schmerz her?“ dachte er sich und kehrte zurück in den Tempel.

Sein Lehrer, Seppo, erblickte ihn und fragte: „Was ist los, Herr Üben, Üben, Üben?“

Gensa antwortete: „Mein Problem ist, dass man mich nicht veräppeln kann!“

Darauf Seppo: „Wer weiß das nicht, in seinem tiefsten Inneren? Aber wer außer Dir kann das laut aussprechen?“

Vielleicht kann man diese Geschichte mit Elon Musk in der Rolle des Gensa neu erzählen. Nachdem seine Rakete in die Luft flog, könnte Musk sagen: „Ich dachte, das gesamte Universum sei nur eine Computersimulation aus dem Jahr 10.000. Wo sind meine 780 Millionen Dollar hin?“

Ich bin mir sicher, dass Musk das nicht so wie Gensa verarbeiten würde. Aber wer weiß?

Es geht mir nicht darum, mich über Herrn Musk lustig zu machen oder darum, dass es ihm noch schlechter geht, als er ich bereits fühlt. Er ist kein Leser dieses Blogs und selbst, wenn ihm jemand einen Link hierzu schickt, wird er diesen Text nicht lesen. Obwohl: Vielleicht, wenn er den Text sieht, geht es ihm wie Gensa und er hat eine große Erleuchtung! Ha!

Wissenschaftlich betrachtet ist die Theorie mit der Computersimulation eine Sackgasse, denn sie ist, was man „nicht falsifizierbar“ nennt. Sie läßt sich mit keiner Methode widerlegen.

Es ist sozusagen die High-Tech-Version von Gensas Vorstellung, alles sei nur im Geist. Musk hat nur „Geist“ mit „Computer“ ausgetauscht. Als Gensa sich den Zehen angestoßen hat, erkannte er, dass solche Argumente in Wirklichkeit nicht besonders bedeutend sind. Selbst wenn der physische Körper nur eine Simulation wäre, tut es immer noch höllisch weh, wenn man sich den Zehen anhaut. Selbst wenn wir in einer Computersimulation leben, die sich irgendein Teenie vom Planeten Ganymed in tausend Jahren gebastelt hat, dann nervt es immer noch tierisch, wenn Deine Rakete explodiert und sich Mark Zuckerberg darüber auf Facebook lustig macht.

Aber Gensas Problem ist ja, dass man ihn nicht veräppeln kann. Was normalerweise mit „Ich kann nicht getäuscht werden“ übersetzt wird. Hier etwas, was ich dazu in „Sit Down and Shut Up“ geschrieben habe:

Wenn Leute so Sachen sagen wie „Ich kann nicht getäuscht werden“, dann liegt die Betonung in der Regel auch „Ich“. Vielleicht kann an all‘ die Anderen da draußen täuschen, aber keiner kann mich veräppeln! Das ist aber nicht, was Gensa hier ausdrücken will. „Ich“ hat hier eine universelle Bedeutung. Es bezieht sich auf Dich und mich genauso wie auf Gensa. Nicht, weil er angeben will. Kann gut sein, dass er sogar ein bisschen traurig ist, wenn er sagt: „Man kann mich nicht täuschen.“

Vielleicht denkst Du Dir jetzt: „Warum sollte er darüber traurig sein? Also bitte, Erleuchtung ist doch das Glückseligste, was einem nur passieren kann, oder? Warum sollte man das sonst anstreben?“ Aber überlege ‚mal kurz. Stellt Dir vor, dass Dir schlagartig klar wird – mit absoluter Sicherheit klar wird – dass Du niemals jemand anderem die Schuld geben könnt an was auch immer Dir widerfährt? Du kannst nicht einmal Deiner Umwelt die Schuld geben, denn Du weißt jetzt, dass Du die auch geschaffen hast. Du kannst Dir auch nicht mehr einreden: „Wenn dieses passiert oder jenes geschieht, dann werde ich völlig glücklich sein.“ Dein Zukunft ist komplett verschwunden, zusammen mit Deiner Vergangenheit. Das kann schon ein bisschen traurig sein.

Aber auf eine andere Art traurig, als Du es bisher erfahren hast. Diese Traurigkeit weiß darum, was Traurigkeit überhaupt ist. Sie weiß, dass es keinen Verdienst bedeutet, sich an ihr festzuhalten. Also lässt sie die Traurigkeit vorbei treiben. Doch das bedeutet nicht, dass Traurigkeit nicht ein Teil der Gleichung ist.

Die Vorstellung, dass wir nie getäuscht werden können, ist eine Illusion. Als Gensa sich den Zehen angehauen hat – anders ausgedrückt: Als er der unleugbaren Tatsache, dass er in DIESER Welt und keiner anderen lebt, ins Auge blicken musste – da verstand er, dass er nicht getäuscht werden kann.

Das war auch kein einmaliges, wunderhaftes Ereignis. Nicht etwas, dass nur einem fortgeschrittenen Schüler wie Gensa geschehen könnte. Wie schon sein Lehrer meinte: „Gibt es jemanden, der das nicht auch kennt?“ Gibt es irgend jemanden, irgendwo, zu allen Zeiten, der sich nicht jeden Moment eines jeden Tages mit den realen Tatsachen der realen Welt konfrontiert sieht? Auge in Auge? Aber wer, so Gensas Lehrer, wer sonst kann das aussprechen? Anders ausgedrückt: Warum – warum nur – beharrn wir darauf in einer anderen Realität zu leben? In einer, die weit von der entfernt ist, die wir die ganze Zeit erfahren?

Wir bestehen alle darauf, nicht getäuscht werden zu können. Ich bin da ganz sicher keine Ausnahme. Ich kann gut verstehen, warum so viele Menschen – auch richtig schlaue Menschen – davonlaufen und irgendwelchen Sekten beitreten. Sie wollen so verzweifelt getäuscht werden, dass sie bereit sind, Philosophien zu ertragen, die völlig sinnfrei sind. Nur um die Erfahrung zu machen, getäuscht zu werden. Aber wenn man darauf besteht, von solchen Dingen getäuscht werden zu wollen, dann veräppelt man sich halt selber. Jeder der auf solche Dogmen oder Religionen hereinfällt, beginnt sofort, andere überzeugen zu wollen, sie seien diejenigen, die getäuscht worden sind. Denn, wenn das andere glauben können, dann könnte man es selber auch glauben.

Es gibt einen sehr guten und sehr praktischen Grund dafür. Denn, wenn man getäuscht worden ist, dann ist nichts mehr, was man tut, die eigene Schuld. Man kann sich aufführen wie die Nazis! „Ich habe nur Befehle befolgt“, kann man sich rechtfertigen, „ich wurde getäuscht!“ So kann man jegliche Verantwortung von sich weisen. Und vielleicht kommt man sogar damit durch, denn diese Welt wird von Trotteln verwaltet, die auch gerne diese Entschuldigung verwenden würden, wenn es ‚mal darauf ankommt.

Aber das ist eine schwache Ausrede. Kein Zenlehrer, der etwas auf sich hält, würde einen damit durchkommen lassen – ich habe das in verschiedensten Variationen bei meinen Lehrern dauernd versucht. „Ich wurde getäuscht! Helfe mir! Erkläre mit, was wirklich die Wahrheit ist!“

Niemand hat Dich veräppelt, Du Schwachkopf! Du kennst die Wahrheit bereits, stell‘ Dich nicht so bescheuert an und kuck‘ einfach hin!“

Es ist harte Arbeit, will man mit die Vorstellung aufgeben, man könne getäuscht werden. Man will einfach glauben, dass es jemanden anderen gibt, der die „Antwort auf Alles“ besitzt. Das man überall auf der Welt danach suchen muss. Man muss nur viele, viele Bücher lesen; viele,viele Lehrer besuchen; angstrengt nachdenken, intensiv forschen und dann, vielleicht, eines Tages findet man sie. Aber alles, was man damit erreicht, ist die Tatsache zu verleugnen, dass einem die Antwort schon längst ins Gesicht starrt. Schon immer, seit man geboren ist. Und sie geht einfach nicht weg! Sie kann es gar nicht.

Wenn man erst einmal akzeptiert, dass man nicht getäuscht werden kann, dann versteht man so ziemlich alle dieser alten Zen-Geschichten. Was eine schöne Überleitung zur letzten Geschichte ist, die ich mir hier anschauen will. Denn da geht’s um darum, dass man immer getäuscht werden kann und die Wahrheit selber herausfinden muss!

Wenn Dir Deine 780-Millionen-Dollar-Rakete hochgeht, dann kannst Du wahrnehmen, dass Du nie getäuscht werden kannst.

Oder auch nicht…