Große Wunder, kleine Wunder

In meinem ersten Jahr als Student an der Kent State University von Ohio war ich wirklich sehr daran interessiert, worum es eigentlich bei all‘ diesen Religionen so geht. Aufgewachsen war ich ohne Religion – nicht als Atheist, aber in meiner Familie kümmerte man sich einfach nicht darum. Ich wollte wissen, was das also so ist und warum Menschen glauben.

Ich kann mich noch gut an eine Unterhaltung mit jemanden von irgendeiner Kirchengruppe an der Universität erinnern, die er mit mir im Wohnheim geführt hat. Er erzählte mir, dass Jesus einige Wunder gewirkt hatte, wie z.B. eine Menschenmasse mit zwei Fischen satt zu kriegen, Tote wieder zum Leben zu erwecken oder nach seinem eigenen Tod selber wieder aufzuerstehen. Das wäre der Beweis, dass Jesus eine tolle Connection zum lieben Gott hatte und wir ihn deswegen anbeten sollten.

Das hat mich nicht überzeugt. Der einzige Hinweis für diese Wundertaten war ein einziges Buch, dass vor langer, langer Zeit wahrscheinlich von Leuten geschrieben wurde, die Leute kannten, die sich an Jemanden erinnern konnten, der einstmals Jesus zusah, wie er diese Sachen vollbrachte. Auf so etwas Ungenaues konnte ich ja nicht mein Leben aufbauen.

Aber ich bin immer noch fasziniert, wie unglaublich gut dieser Ansatz bei einer so großen Mengen an Menschen funktioniert. In Kulturen rund um die Welt kann man genau diese Sache finden, meist mir einer Jahrtausende alten Tradition. Vor langer Zeit hat irgendein Typ angebliche Wundertaten gewirkt und Millionen glauben dann diese Geschichten und verehren ihn dafür.

Die Wunder müssen nicht einmal lange her sein. Die Geschichten von Joseph Smiths Wundern sind bis ins Absurde zwielichtig und trotzdem ist der Glaube der Mormonen ein Riesenerfolg. Und L. Ron Hubbards Mist mit Xenu und den Thetanen ist einfach lächerlicher Schwachsinn. Trotzdem haben die Scientologen gerade eben, ein Stückchen die Straße runter von meiner Wohnung aus, ein Riesen-Medien-Center hingestellt.

Ich arbeite zur Zeit an dem Nachfolgebuch zu „Don’t Be a Jerk“, in dem ich mir einige weitere Schriften von Dogen genauer anschaue. Also habe ich mir einen Aufsatz mit dem Titel „Jinzu“ rausgepickt. Dessen Titel wird normalerweise mit „Wunder“, „Wunderbare Geistesfähigkeiten“ oder „Spirituelle Macht“ übersetzt. Mein Lehrer entschied sich für „Mystische Kräfte“. Ich dachte, dieses Stück sei eine eher eindimensionale Angelegenheit; in der Art von: „Es gibt keine Wunder, die Realität ist das wahre Wunder, lass‘ gut sein!“

Aber ich hatte mich geirrt. Was Dogen da in diesem Aufsatz anstellt, ist ein Ansatz, von dem viele heutige Leser lernen könnten.

Wenn Leute wie Richard Dawkins, Sam Harris oder der spätere Christopher Hitchens und deren Anhänger Menschen davon überzeugen wollen, dass Religionen falsch liegen, dann machen sie sich in der Regel über die alten Wundergeschichten lustig und zeigen auf, wie fadenscheinig die Beweislage dafür ist. Und dann verlachen sie jene, die so lächerliche Sachen glauben auch noch als dumm und naiv.

Das klappt bloß nie.

Unabhängig davon, was ich euch gerade erzählt habe: Es klappt nicht einmal bei mir. Ich habe durchaus selber eingesehen, dass die Beweislage für die Wunder Jesu‘ eher dünn ist. Aber trotzdem: Wenn ich diese Besserwisser höre, wie sie darüber feixen, dann möchte ich erst recht daran glauben. Mein Problem ist einfach, dass ich es nicht schaffe. Ich habe es versucht. Wirklich.

Dogen hat nie im Leben von Jesus gehört. Aber natürlich waren ihm die Wundergeschichten rund um Buddha vertraut. Ihm war bewusst, dass viele buddhistische Mönche und Lehrer diese Geschichten glaubten und gar ihr Interesse am Buddhismus darauf fußte, dass solche Dinge wirklich geschehen sind. Und selbst, wenn sie das selber nicht glaubten, dann verwendeten sie diese Erzählungen doch, um die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer zu bekommen.

In seinem Aufsatz zu Buddhas Wundertätigkeit verneint Dogen niemals die Möglichkeit, dass diese Wunder geschahen und er würdigt niemanden, der daran glaubt, herab. Es ist nicht einmal klar, ob er selber diese Geschichten für bare Münze nimmt oder nicht. Es ist durchaus denkbar, dass er selber glaubte, dass Buddha einst vor einer Menschenmasse in die Luft aufstieg und aus seiner unteren Körperhälfte Wasser herausschoss und aus der oberen Feuer – um nur eine Geschichte zu nennen, auf die er sich bezieht. Ganz deutlich aber glaubte er, dass man durch die Meditation geistige Kräfte und übernatürliche Fähigkeiten erwerben kann.

Trotzdem geht er die Sache ganz anders an als unsere atheistischen Zeitgenossen. Er läßt diese Art von Wundern unangestastet, aber nennt sie „kleine“ (shou shou im Japanischen) Wunder. Er drängt uns förmlich von viel größeren Wundern beeindruckt zu sein.

Jesus speiste die Fünftausend mit zwei Fischen und fünf Broten (Matth 14, 13-21), er erweckte Lazarus von den Toten (Joh 11, 1-44) und erstand wieder, drei Tage nach seiner Kreuzigung von den Toten auf. (Mark 16, 1-13, Luk 21, 1-53, Matth 28: 1-8, Joh 20, 11-18) Das sind in der Tat bemerkenswerte Leistungen. Aber trotzdem nur Beispiele für kleine Wunder, nicht für das große.

Es ist nur wegen des großen Wunders, dass es überhaupt kleine Wunder gibt. Das große Wunder beinhaltet die kleinen Wunder, aber die kleinen Wunder kennen nicht das große. Kleine Wunder sind gebunden an Zeit und Raum. Sie passieren an einem bestimmten Ort und nicht wo anders. Sie geschehen zu einem bestimmten Zeitpunkt, aber nie wann anders. Sie werden von bestimmten Menschen erfahren, aber nicht von anderen. Sie werden von vielen Menschen geglaubt, aber von genauso vielen angezweifelt.

Ohne das große Wunder, würden auch die spektakulärsten der kleinen Wunder nicht geschehen. Jesus hat große Wundertaten vollbracht. Aber das noch größere Wunder ist, dass es eine Welt gibt, in die Jesus geboren sein mag; dass es ein Universum gibt, in der diese Welt existiert und dass es Dich und mich gibt, um davon zu hören. Es ist nur das große Wunder des Lebens selber, das die kleinen Wunder überhaupt zulässt.

Darum sagen wir Sachen wie „die mystische Kraft und die wundersame Funktion, Wasser zu tragen und Feuerholz zu schleppen“. Deine eigene, dreidimensionale Existenz mit all‘ ihren Freuden und Sorgen, ihren Vergnügen und Schmerzen, ihren besonderen Zeiten und ihren banalen Zeiten: Das ist das eindrucksvollste Wunder von allen!

Ob Du an die kleinen Wunder glaubst oder nicht ist nicht wirklich wichtig. Einige glauben eben daran und andere nicht. Aber das große Wunder kann von niemandem angezweifelt werden. Es existiert überall und zu allen Zeiten und an allen Orten.

Man kann die kleinen Wunder, die vor langer Zeit und weit weg geschehen sind, heute nicht mehr direkt erforschen. Aber man kann ganz ganz unmittelbar und sofort im Detail das eine große Wunder untersuchen. Indem man den eigenen Körper und den eigenen Geist verwendet, genauso wie sie in diesem Moment und genau hier existieren.

Ich glaube, hätte man Dogen je über den christlichen Glauben befragt, dann hätte er so oder so ähnlich geantwortet.