Es gibt sieben Ebenen

Heute geht es um eine Frage, die ich kürzlich gestellt bekommen habe. Eigentlich ein Vorschlag für meinen YouTube-Kanal,  aber ich denke eine geschriebene Antwort funktioniert besser.

Jhanas  sind geistige Ebenen, die man in der Meditation Schritt für Schritt erklimmen kann, bevor man den Gipfel erreicht, die Erleuchtung. In den Pali-Sutras habe ich ab und an Hinweise dazu gefunden, aber kürzlich fand ich dieses Video von einem Vortrag, den ein Chan-Lehrer bei Google hielt:

Er kanzelt das japanische Zen ganz schön herab und behauptet, dass die japanischen Mönche damals nur ein paar Jahre in China Chan studiert hatten, aber eben auch nicht lange genug, um das Gesamtbild zu erfassen. Ihn begeleitete einer seiner Schüler, der erzählte, dass er lange Zen praktiziert hat, aber erst Fortschritte machte, als er eben diesem Chan-Lehrer folgte. So wie ich das verstehe, legt man bei dieser Form des Chan das Hauptgewicht auf besagte Jhanas. Der Lehrer behauptet in diesem Video, dass man – erreicht man z.B. die erste Jhana-Stufe – ein gemindertes Verlangen nach Essen und nach Sex hat.

Wie siehst Du das mit den Jhanas? Im Theravada-Buddhismus sind sie ein fester Begriff und sichtlich auch im chinesischen Chan. Gibt es Jhanas in Wirklichkeit? Und, falls es sie gibt, warum werden sie im Zen nicht gelehrt? Und, falls es sie nicht geben sollte, warum haben sich die ersten Buddhisten so ein verrücktes System ausgedacht?

Ich habe eine Ahnung davon, was Dogen zu solchen Fragen sagen würde, aber ich dachte mir, ich frage Dich, um hier ein bisschen Licht ins Dunkle zu bringen.

Paul McCartney erzählt manchmal die Geschichte, wie er und die anderen Beatles in den Sechzigern einige Drogen eingeworfen hatten. Plötzlich hatte Paul eine große Offenbarung! Er bat ihren Roadie, Mal Evans, das doch bitte auzuschreiben. Am nächsten Morgen erinnerte sich Paul wieder an diesen Vorfall und fand auch den Zettel, auf dem Mal diese Offenbarung festgehalten hatte. Auf dem Zettel stand nur: „Es gibt sieben Ebenen.“

Ich würde sagen, die Jhanas gibt es genau in der Art und Weise wie jedes andere Etikett, dass man an eine Entwicklung hängen kann.

Gibt es diese „Rover“ bei den Pfadfindern in Wirklichkeit? Na klar. Bin mir ziemlich sicher. Wenn man bei den Pfadfindern ist und die Anderen um einen herum sind der Meinung, Dein Rover-Abzeichen hat eine Bedeutung, dann gibt es wohl diese Rover wirklich. Das Abzeichen bedeutet, dass ein Erwachsener in einer Pfadfinderuniform beschlossen hat, dass Du jetzt nicht mehr nur ein normaler Pfadfinder bist, sondern eben ein Rover. Wenn diese Person sich dazu Gedanken gemacht hat, dann sagt diese Auszeichnung vielleicht auch etwas Wichtiges über Deinen Charakter und Deine Fähigkeiten aus.

Ob Du diese Eigenschaften auch noch behältst, wenn Du für die Pfadfinder zu alt geworden bist, ist ein anderes Thema. Ob Du immer noch so ein toller Rover bist, wenn niemand mit einer gewissen Autorität darüber richtet, das ist dann noch ein ganz anderes Thema. Und ein ganz, ganz anderes Thema wäre, ob Du das Rover-Abzeichen immer noch verdienst, wenn Du Vorsitzende des Katholischen Pfadfinderinnenverbands geworden bist.

Ich glaube, so ähnlich ist das mit den Jhanas. Wenn Du das so möchtest, dann nenne ein gemindertes Verlangen nach Essen und Sex und die Fähigkeit, einen Meditationslehrer davon zu überzeugen, dass Du ein gemindertes Verlangen nach Essen und Sex erreicht hast, einfach „Das Erste Jhana“.

Wenn Du das möchtest. Ich werde sicher nicht versuchen, Dich abzuhalten. Aber ich persönlich würde das nicht so bezeichnen wollen. Aber ich würde auch nicht meine Zeit verschwenden irgendeinen Meditationslehrer zu überreden, er möge doch bitte meine Errungenschaften anerkennen und sie mit einem bestimmten Rang etikettieren, bitteschön.

Das Video, das mir der Fragesteller da geschickt hat, erzählt eigentlich selber die ganze Wahrheit. Ich habe von diesen beiden „buddhistischen Meistern“ nie zuvor etwas gehört oder gesehen, aber es wird sehr deutlich, dass es ihre eigentlich Absicht ist, andere Menschen zu kontrollieren und zu dominieren. Egal, wie intensiv sie sich mit dem Buddhismus beschäftigt haben mögen, ihr Wunsch nach Dominanz stellt das komplett in den Schatten. Das offenbart sich in dem Video glasklar und ohne jeden Zweifel.

Im Allgemeinen sind ja wirtschaftliche oder politische Mittel die erste Wahl für Menschen, die andere dominieren wollen. Aber spirituelle Machtausübung kann sogar noch effektiver sein. Wenn man verschiedene Ebenen der Meditationserfahrung erfindet und sich als derjenige inszeniert, der über das Erreichen dieser Ebenen entscheidet, hat man eine gute Methode entdeckt, das Leben anderer Menschen zu kontrollieren und diese an sich zu binden.

Es ist wirklich herzzereißend, wie offensichtlich genau das in diesem Video wird. So etwas ekelt mich richtig an und ich musste nach ein paar Minuten abschalten.

Mir ist bewusst, dass die frühen Schriftstücke um Buddha voller Hinweise auf die Jhanas sind. Aber mir ist auch bewusst, dass diese frühen Diskussionen 200 Jahre nach dem Tod Buddhas verfasst wurden. Das gibt jeder Bewegung mehr als genug Zeit, sich von der ernsthaften Suche nach einer Wahrheit abzuwenden und sich in eine Institution zu verwandeln, die ihr Machtposition stärkt, indem sie die Leben ihrer Anhänger kontrolliert. Ich gehe also nicht als eindeutig gegeben davon aus, dass der historische Buddha persönlich so ein System erfunden hat.

Vielleicht hat Buddha die Jhanas als ein Bild verwendet, um zu erklären, welche Erfahrungen er bei der Meditation hatte. Und dieses Bild wurde dann von seinen Zuhörern als Tatsachenbehauptung missverstanden – das passiert durchaus häufig. Das ist genau wie bei den Leuten, die ernsthaft behaupten, es hätte eine echte Eva gegeben und einen echten Adam, die im echten Garten Eden von einer echten Schlange versucht worden sind.

Es ist so: Wenn man einige Zeit meditiert, passieren Dinge. Du verstehst das Leben auf eine andere Art. Du nimmst Dich und andere auf eine neue Art wahr. Und nachdem sich alle Menschen ähneln, geschehen auch diese Veränderungen im allgmeinen auf ähnliche Art. Es ist also möglich, einen groben Plan zu skizzieren von den Dingen die Menschen normalerweise widerfahren, wenn sie ihre Meditation sehr ernsthaft betreiben.

Das haben in der Vergangenheit auch schon einige versucht. Dann geschieht es unglücklicherweise oft, dass Menschen, die noch nie meditiert haben (oder wenig meditiert haben) diese Schriften dann lesen und missverstehen als System. Mit verschiedenen Ebenen.

Als nächstes versuchen sie dann ihren Fortschritt mit dem abzugleichen, was die Autoren über ihre Erfahrungen so geschrieben haben. Oder, noch schlimmer, sie messen den Fortschritt anderer Menschen an diesen Schriften.

Das führt zu falschem Ehrgeiz, Neid, dem Wunsch, anderen immer eine Nasenlänge voraus zu sein oder darin, sich bei Autoritätsfiguren einschmeicheln zu wollen. Und zu den ganzen anderen Dummheiten, die jedem im Geschäftsleben oder in der Politik eben auch widerfahren. Dieses Verhalten zerstört dabei nachhaltig jeglichen Nutzen, den man durch die Meditation gewinnen könnte.

Darum kümmern sich die meisten Zen-Schulen um solches Zeug auch nicht weiters. Aber natürlich gibt es von diesem Unsinn auch Zen-Versionen. Am populärsten sind vielleicht die sogenannten fünf Ränge der Erleuchtung.

Augenscheinlich sind aber auch diese nur ein Versuch von jemandem, der seine persönlichen Erfahrungen mit der Praxis der Meditation ausdrücken wollte. Und traurigerweise ist auch das zu einem dummen Spiel verkommen, um den Fortschritt von Meditierenden zu vermessen. So angewandt hat es dann schlagartig keinen Sinn mehr.

Ich finde diese ganze Sache extrem lächerlich. Ich habe mich auch nie detailliert mit solchen Systemen beschäftigt, weil es so schmerzhaft auffällig ist, was ihr eigentlicher Zweck ist. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie ein vernünftiger Mensch seine Zeit überhaupt in solchen Bockmist investieren kann.