Dann ist das der Inhalt Deines Zazen

Aus dem Stapel mit der Post:

Brad,

Ich kann mir vorstellen, dass es ermüdend ist, immer die selben Fragen zu beantworten. Aber die nächsten Fragen sind mir wirklich wichtig.

Ich meditiere ungefähr schon seit zehn Jahren – das liegt an Deinem ersten Buch – und die meiste Zeit davon ohne einen Lehrer. Ich habe zwar einen Lehrer, aber der ist nun in Rente gegangen und schwierig zu erreichen.

Ich weiß, dass man Zazen eigentlich ohne bestimmte Ziele erreichen zu wollen, verfolgen sollte. Aber ich begann mit dem Ziel, meine Wut in den Griff zu bekommen. Aber nach zehn Jahren scheint sich da kein Unterschied eingestellt zu haben, nur dass ich mir dessen jetzt bewusster bin. Ist das ein Problem?

Mein eigentliche Frage ist aber: „Funktioniert“ mein Zazen noch, obwohl ich die meiste Zeit vor mich hindöse und tagträume? Sollte ich meine Atemzüge zählen, um wacher zu bleiben oder wirkt Zazen einfach auch unabhängig von diesen inneren Prozessen? Ich meditiere am Morgen und am Abend, als Klammer um einen langen Arbeitstag. Die Möglichkeit mehr zu schlafen, habe ich nicht.

Vielen Dank im voraus!

Diese Frage wird mir in vielen Formen immer wieder gestellt. Ich werde Dir hier antworten und dabei gleichzeitig etwas schreiben, dass ich auch auf meinem Blog posten kann. Los geht’s!

Zazen sollte tatsächlich eine Übung ohne bestimmte Ziele sein. Aber niemand verplempert ohne gute Gründe seine Zeit damit, einfach eine Wand anzustarren. Also hat jeder, der meditiert, seine eigenen Gründe, das zu tun. Meine eigene Motivation war ziemlich kompliziert. Aber, genau wie Du, hatte ich die Hoffnung, dass Zazen mir helfen würden, meine regelmäßigen Wutausbrüche besser in den Griff zu kriegen. Wenn ich richtig wütend wurde, dann ging schon einmal etwas zu Bruch. Und das war eine Riesenproblem für jemanden, der nicht genug Geld hatte, den Schaden zu reparieren. Und dann hatte ich noch andere Gründe. Aber die hat jeder.

Nach dreißig Jahren Zazen bin ich immer noch wütend. Und gelegentlich habe ich noch Wutausbrüche. Aber das passiert jetzt seltener und wenn es passiert, dann kann ich sie schneller wieder loslassen. Ich habe durch Zazen viel über das Wesen der Wut gelernt und auch schon einige Male etwas dazu geschrieben. In meinem Buch „Sit Down and Shut Up“ gibt es ein Kapitel „Kill Your Anger“, wo ich das detaillierter erkläre. Mein Herausgeber hat einen Teil davon auf seiner Homepage veröffentlicht. (Da führt der Link hin, aber hier kann man das Buch auch kaufen.)

Und zu der Frage, ob Zazen „funktioniert“, selbst, wenn man den Eindruck hat, das nicht geschieht, würde ich antworten: Ja, das tut es!

Wenn ich meinem Meister Nishijima Roshi so ähnliche Fragen wie Deine gestellt habe, antwortete er: „Dann ist das eben der Inhalt Deines Zazen.“ Schläfriger Inhalt, ruheloser Inhalt, wütender Inhalt, Inhalt voll geschäftiger Gedanken, voller Sex-Besessenheit, Glücksseligkeit, Sich-Erleuchtet-Fühlen oder Sich-Dämlich-Fühlen: Es war egal! Es war eben alles der Inhalt meines Zazen.

Das Beurteilen ob unser Zazen nun „funktioniert“ oder nicht – das sind nur Gedanken. Und die sind während der Meditation genauso unwichtig wie jeder andere Gedanke, der Dir so durch den Kopf geht. Und wenn Du an diesen Gedanken eben festhalten willst, dann macht das auch nichts. Das ist nur ein weiterer Streich, den Dir die Gedanken spielen, um Deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist nicht wichtig.

Du bist völlig durcheinander und willst, dass es Dir wieder besser geht? Einverstanden. Prima. Setz‘ Dich damit hin. Eines Tages wirst Du sterben und das macht Dir Angst? Gut! Willkommen in unserem Verein! Setz‘ Dich damit hin. Du bist fixiert auf Deinen Kollegen, diesen Politiker oder den Komiker, der dieses furchtbare Bild auf Instagram gepostet hat? Oder auf Deine Mutter, Deine Kindheit oder die Situation in Aserbaidschan? Kein Problem! Setz‘ Dich damit hin.

Du hast das Gefühle, dass das nichts verändert? O.k. Aber: Wer sagt das? Und warum sagt er das? Und wen kümmert’s, was der denkt? Setz‘ Dich damit hin!

Ich weiß, dass viele Lehrer empfehlen, die Atemzüge zu zählen oder sich auf wichtige Seinsfragen zu konzentrieren, aber ich kann darin nur schwer einen Sinn sehen. Das ist nur eine andere Methode, um Dir die Illusion zu vermitteln, Du könntest Einfluss gewinnen, auf dass, was Dir widerfährt, wenn Du sitzt. Als ob Du bestimmte Inhalte für Dein Zen wählen könntest. Wenn Du das richtig gut übst, dann kannst Du Dich zeitweise selber ‚reinlegen und denken, Du hättest die Kontrolle. Aber das legt sich wieder.

Ein Großteil des Shikantaza („Nur Sitzen“) ist es, sich damit abzufinden, dass Deine Gedanken völlig außer Kontrolle sind. Das kann ganz schön Angst machen. Wir sind alle so erzogen, dass wir unsere Gedanken sie ganze Zeit bewachen und uns herauspicken, welche wir zulassen und welche nicht. Jeder macht das so. Das verlangt die Gesellschaft von uns. Denn, wenn wir selber außer Kontrolle geraten, könnten wir ja eine Gefahr für sie sein. Viel Erziehung und viel Sozialisierung geht genau in diese Richtung, damit genau das in uns passiert.

Das eigentliche Problem ist, dass das nicht lange vorhält. Manche von uns brauchen tatsächlich Hilfe, um ihre Gedanken zu bewachen, aber den Meisten geht es auch ohne das ganz gut. Trotzdem bleiben wir ständig auf der Hut und bemühen uns angestrengt, unser „Selbst“ neu zu schaffen und neu zu definieren. Um sicher zu stellen, dass dieses „Selbst“ auch „gut“ ist – je nachdem welchen Maßstab für „gut“ wir erlernt haben. Oder wir jammern in einer Tour über den Teil unseres „Selbst“, der einfach nicht zur Definition von „gut“ passen will. Darauf verschwenden wir einen Haufen Energie.

Es ist genau dieses „Selbst“, das wir selber erschaffen haben, dass Ruhe will oder Frieden oder Erleuchtung. Oder eben keine Wut mehr. Oder irgendetwas anderes. Aber diese Dinge kann es nicht haben. Weil es das „haben“ will, weil es das „besitzen“ will – aber diese Dinge kann man eben nicht besitzen.

Nichts von dem das Selbst denkt zu haben, besitzt es wirklich. Das schließt Wut, Angst und Zweifel – alles, wovon es frei sein will – auch ein, denn auch diese Dinge kann man nicht besitzen. Sie kommen und sie gehen. Selbst Deine Wut gehört Dir nicht. Deswegen kann die Freiheit von Wut Dir auch nicht gehören. Mit dieser Strategie verlierst Du gleich am Anfang. Es macht nicht mal Sinn, das überhaupt zu versuchen.

Wenn sich Leute nach einem Lehrer umsehen, dann suchen sie oft nach jemanden, der die Erleuchtung hat oder frei von Wut ist, oder was immer auch sie selber gerne besäßen. Die Vorstellung ist: Wenn sie so einen Lehrer finden, dann kann der ihnen das, was er selber besitzt weiterreichen. Oder vielleicht wollen sie ihm das auch einfach stehlen.

Entschuldigung, ich bin abgeschweift.

Es ist so: Wenn Du Deine Atemzüge zählen willst oder ähnliches, dann ist das keine Sünde. Es wird Dir nicht schaden. Wenn mein Hirn sich zu schnell dreht, dann mache ich das manchmal selber. Aber diese Art der Übung bringt Dich der Wurzel des Problems auch nicht näher. Es wird immer eine Anstrengung bedeuten, etwas zu kontrollieren, dass man einfach nicht kontrollieren kann. Diese Techniken können beruhigend wirken, und wenn es das ist, was Du willst, dann ist das in Ordnung. Manchmal braucht man das. Wir alle.

Aber ich denke, der wahre Nutzen der Meditation beginnt da, wo wir aufhören, sie so zu formen, wie wir sie haben wollen und ihr stattdessen gestatten so zu sein, wie sie eben gerade ist. Das ist der Zeitpunkt, an dem man am meisten lernt.