Dauerhafter Frieden: Offener Brief an Deepak Chopra

Sie haben mich ja gestern auf Twitter gesperrt, darum weiß ich nicht einmal, ob Sie diesen Brief jemals sehen werden. Vielleicht sendet Ihnen ja jemand, der weiß, wie man sie kontaktieren kann, einfach einen Link.

Zuerst einmal wollte ich mich entschuldigen, falls Sie sich angegriffen gefühlt haben – das lag nicht in meiner Absicht.

Eigentlich gefällt mir das, was Sie so tun. Ich denke, Sie sind schlau, scharfsinnig und unterhaltsam. Ihre Tweets habe ich gerne gelesen.

Aber manchmal dachte ich mir, ich müsste Sie daran erinnern, dass es auch Menschen gibt, die über jene Dinge, die Sie im allgemeinen thematisieren mehr wissen als Ihr Durchschnittsfan. Ich habe den Eindruck, dass es wichtig ist, dass jemand Sie ab und zu einmal ins Gebet nimmt. Und bis jetzt sind Sie ja damit auch immer großzügig umgegangen, wir haben uns sogar ein paar Mal kurz auf Twitter unterhalten.

Klar, mein letzter Tweet an Sie wirkt wahrscheinlich etwas barsch. Aber, um ehrlich zu sein, ich habe das geschrieben, weil ich mir sicher bin, dass Sie das, was Sie da schreiben, wirklich besser können. Es wäre schön, Sie könnten ihre Möglichkeiten besser ausschöpfen.

Tut mir auch leid, wenn das jetzt zu gönnerhaft wirkt, ich weiß einfach nicht, wie ich es besser ausdrücken kann. Sie sind deutlich bekannter und wohlhabender als ich und auch Oprah schätzt Sie sehr, weswegen nun keines meiner Bücher auf deren Empfehlungsliste erscheinen wird, weil ich ja Deepa Chopra verärgert habe. Und Sie sind natürlich auch älter, das macht sie vielleicht sogar weiser als mich. Und weil Sie Inder sind, wirkt es auch viel echter, wenn Sie über östliche Religionen sprechen als wenn das so ein dahergelaufener Amerikaner mit hauptsächlich europäischen Vorfahren das tut. Ist mir schon bewusst.

Aber Sie könnten das wirklich besser.

Und ich meine damit zum Beispiel besonders diesen Film, den ihr Sohn über Sie machen durfte. Das war ein toller Streifen! Der stellte Sie als echten, lebendigen Menschen dar. Vielleicht, so dachte ich mir, war das irgendwie ein Wendepunkt für Sie.

Aber leider täusche ich wohl. Seitdem scheinen Sie sich eher zurückgezogen zu haben und kommen nur zum schnellen Geldverdienen wieder heraus. Indem Sie dann ihr Publikum anlügen. Das zu Beobachten ist wirklich deprimierend. Besonders weil Sie das Geld nicht einmal brauchen, Sie sind ja schon Millionär. Mehrfacher.

Dieser eine Tweet aber – auf den ich reagiert habe, was zu meiner Sperrung geführt hat – war ein kleiner Videoschnipsel, in dem Sie ihren Fans erklären, Sie könnten „dauerhaften Frieden“ erreichen, wenn sie nur erkennen, dass das Bewusstsein der universelle Grund von allem ist. Oder so in der Art… Weil ich gesperrt bin, kann ich ja jetzt leider nicht mehr den genauen Wortlaut nachlesen.

Gut. Sie wissen sicher, dass „dauerhafter Frieden“ ein Ding der Unmöglichkeit ist, so lange man lebt. Sie wissen das, Herr Chopra! Das wissen Sie und ich sage Ihnen auch, warum: Weil Sie leben! Und deshalb auch eine Vorstellung davon haben, was es bedeutet, zu leben.

Wenn Sie aber ihren Fans etwas versprechen, von dem Sie wissen, dass es unerreichbar ist – dann müssen Sie wohl lügen. Man kann nur vermuten, dass der Grund dafür ist, dass Menschen einer „spirituellen Autorität“ gerne glauben, dass sie dauerhaften Frieden, dauerhaftes Glück oder dauerhaftes Sonstwas erlangen könnten, wenn Sie nur genug dafür zahlen.

Das, sehr geehrter Herr Chopra, richtet aber Schaden an. Und zwar einen Haufen Schaden.

Herr Chopra, Sie haben eine Stellung, in der Sie von vielen Menschen sehr ernst genommen werden. Mein Publikum beträgt Zehntausende, ihres wohl Millionen oder vielleicht auch das Zehnfache davon. Eine Menge Menschen, die Ihnen da zuhören.

Ich werde mich nicht einmal mit Ihrer Hauptaussage beschäftigen, dass das Bewusstsein die Grundlage der Realität sei, denn das ist schlicht Quatsch. Aber ich bin bereit, anzunehmen, dass Sie ernsthaft daran glauben. Und darum frage ich nach, wenn Sie so etwas behaupten, aber ich verurteile das in der Regel nicht. (Ich meine, bevor ich gesperrt wurde.)

Ich werde nur gereizt, wenn Sie ihr Publikum offensichtlich und wissentlich belügen. Das ist so beschränkt und bösartig, da sollten Sie wirklich drüberstehen. Und es ist auf sehr zynische Weise auch noch manipilativ, da sollten Sie sich erst recht davon distanzieren.

Ich kann mir das schon ungefähr ausmalen. „Ich erzähle denen einfach, was sie hören wollen und dann – Scheiss drauf – gehe ich erst einmal schön Shoppen!“ Manchmal frage ich mich, ob ich in Ihrer Position nicht genau so handeln würde. Wenn ich buchstäblich zehntausende Dollars verdienen könnte, indem ich irgendeinen Bockmist über „dauerhaften Frieden“ auf Twitter verzapfe – dann könnte ich nicht hundertprozentig garantieren, dass ich das auf keinen Fall tun würde.

Ja, zugegeben: Scheiße! Aber hier in Südkalifornien war es in letzter Zeit brüllend heiß und so ein Swimming Pool zum Abkühlen, das wäre schon eine feine Sache! Wenn ich das haben könnte und dafür so wenig arbeiten müsste, wie Sie das tun, dann würde mich das schon sehr in Versuchung führen. Ich glaube eigentlich, dass ich’s trotzdem nicht tun würde, aber wer weiß schon?

Sie sehen, ich verstehe Sie total. Das Leben ist hart! Sogar für Fantastillionäre wie Sie einer sind. Jeder kleine Luxus hilft, völlig klar!

Ich hatte bloß die bescheidene Hoffnung, meine Tweets könnten Sie vielleicht daran erinnern, dass Sie eine Verantwortung haben, die über die von uns normalen Menschen hinausgeht. Ich wollte Sie mit der großen Verantwortung, die mit ihrer großen Macht kommt, konfrontieren. Aber das war wohl zu viel des Guten.

Ich werde Sie in meiner Twitter-Timeline vermissen. Aber ist schon o.k. Wenn ich lachen möchte, dann gibt es ja immer noch Donald Trump – der hat mich noch nicht gesperrt, obwohl ich seine Tweets auch immer betrolle. (Und zwar viel schlimmer als Ihre!)

Leben Sie wohl!

Ihr Freund, Brad Warner