Alex Jones und der große Zweifel

Wenn ich manchmal Texte von schon lange verstorbenen und hoch verehrten spirituellen Lehrern lese, dann kommt es mir so vor, als würde ich die konservierten Blogbeiträge einer antiken Version von Alex Jones lesen.

Für den Fall, dass ihr es nicht wisst: Alex Jones ist der auffallendste Kopf der gegenwärtigen Horde von Verschwörungstheoretikern, die YouTube und andere Plattformen bevölkern. Er begann eine Kampagne, die er die „Infokriege“ taufte. Jones glaubt nicht nur, dass der Sandy-Hook-Amoklauf von der Regierung fingiert war, um uns alle schwul zu machen; er glaubt sogar, dass das gesamte verdammte Universum eine Fälschung ist.

Ich habe versucht, mir ein Video anzuschauen, in dem er seine Theorie darüber darlegt, was denn genau das Universum nun wirklich sei – aber ich habe es nach ein oder zwei Minuten nicht mehr ausgehalten. Anscheinend ist das Universum ein falsches Hologramm mit Druckstellen, durch die die Schwerkraft hereinsickert. Das haben Wissenschaftler bewiesen! Jetzt kommt alles raus! Es herrscht Krieg, nur um den freien Willen der Menschheit zu brechen! Die Herrschaftselite baut Maschinen, nur um…

Herr im Himmel! Mein Gehirn ist gerade ein bisschen geschmolzen!

Aber da ist nichts wirklich Neues an diesem Alex Jones. Solche Typen gibt es schon sehr, sehr lange. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele der hochverehrten Heiligen der Vergangenheit nur uralte Versionen von Alex Jones sind, deren Geschichten im Laufe der Jahre poliert wurden, um die hässlichen Ecken und Kanten abzuschleifen. Der Hauptunterschied ist, dass man in der Antike nicht Außerirdische mit holografischen Computern für alles verantwortlich gemacht hat. Das Beste, was denen damals so eingefallen ist, waren Götter und Himmelswesen. Ich kann mit gut vorstellen, dass Theorien über zwölfdimensionale Computer eines Tages genauso bizarr klingen werden, wie für uns heute Geschichten über Göttinnen mit 87 Armen oder kleinen Feen, die in Pilzen hausen.

Ein hochinteressanter Aspekt der Philosophie des Zen ist die Idee des „Großen Zweifels“.Ich habe für Jeff Shores Übersetzung eines langen Essay des chinesischen Zenlehrers Boshan aus dem 16. Jahrhundert mit Namen „Der große Zweifel“ einmal ein Vorwort verfasst.

Möglicherweise denkt ja Alex Jones, er übt den „Großen Zweifel“, wenn er sogar die Realität des ganzen Universums in Frage stellt. Aber in Wirklichkeit steckt er im kleinen Zweifel fest. Genaugenommen steckt er in etwas fest, was Boshan die „Krankheit des Mutmaßens“ taufte.

Wie Alex Jones sind auch Buddhisten durchaus der Meinung, dass unsere Wahrnehmung nicht genau das wiedergibt, was wirklich geschieht. Aber sie wissen auch, dass es kaum Sinn macht, zu erraten, was „wirklich“ ist. Weil wir die Dinge schon so gut wahrnehmen, wie wir das nur können. Also leben wir eben damit, wissend, dass wir das nie auch nur im Ansatz richtig begreifen werden.

Einige, die der kleine Zweifel plagt, versuchen sich an Drogen wie Ayahuasca, DMT oder welch‘ Modedroge auch immer, oder sie stürzen sich in die Meditation, Visualisierung, Trance-Zustände oder ähnliches, nur um eine kleine Ahnung von dem zu bekommen, was hinter der Illusion der Wirklichkeit passiert. Wozu ich nur sagen kann: Vielleicht – gaaanz großes Vielleicht – könnte man eventuell auf diese Art eine itzi-bitzi-tini-wini Ahnung einer möglicherweise anderen Sichtweise bekommen. Aber wenn man wirklich glaubt, dass das dann realer ist wie die Normalwahrnehmung, dann ist man einfach nur kindisch.

Weil’s halt immer nur der kleine Zweifel ist. Man erahnt, dass die Art, wie wir gelernt haben die Welt wahrzunehmen und zu verarbeiten, falsch ist. Doch dann lässt man sich von seinen eigenen Gehirnfürzen überreden, dass man endlich die „Letzte Antwort“ gefunden hat.

Der große Zweifel bedeutet aber im Gegenteil, dass man es sogar wagt, an seinen eigenen Schlußfolgerungen zu zweifeln.

Der große Zweifel ist eine harte Nuss, die nie geknackt werden kann. Es ist völlig normal, wenn man seine Bedenken beilegen will. Da gäbe es zum Beispiel den klassischen Fall, dass man morgens früh um drei Uhr im Dunkeln entscheiden muss, ob das längliche Dingsbums auf dem Gehweg jetzt nur ein Stück Seil ist oder eine Giftschlange. Das ganze Leben ist geprägt von Situationen, in denen man nicht genau weiß, was los ist, aber rasch zwischen diesem oder jenem entscheiden muss, bevor man weitergehen kann.

Klappt ja auch meistens prima. Aber wenn man sich etwas so Großem widmet wie der Frage nach dem Wesen der Realität selber, dann bekommt man ein Problem. Und das Problem ist ganz einfach, dass unser menschlicher Verstand und unsere Sinne nicht dafür ausgerüstet sind, diese Fragen zu beantworten. Klar, wir können unsere Beobachtungen und Berechnungen unglaublich verfeinern, aber sind dann immer noch meilenweit davon entfernt, alle unsere Möglichkeiten auszuschöpfen. Die letzte Antwort wird immer außerhalb unserer Reichweite bleiben.

Die Krankheit der Mutmaßung beginnt, wenn man versucht, sich einfach alles hinzubasteln. Mutmaßen an sich ist nicht immer und überall eine schlechte Sache: Die Wissenschaft hat es so zu unvorstellbar wertvollen Entdeckungen gebracht und macht das hoffentlich auch noch lange. Das ist prima.

Aber für uns Meditierende lauert hier eine Falle. Ich kann mich beim Zazen oft selber dabei beobachten. Die Zahnrädchen in meinem Hirn beginnen sich zu drehen und versuchen irgendein Problemchen zu lösen. Neuerdings erwische ich mich lustigerweise dabei und in dem Moment stellt sich schlagartig heraus, dass es bei dem Problem, an dem ich da schufte, einfach um Nichts geht. Das Gehirn spult nur eine uraltes Kniffel- und Knobelprogramm ab, selbst, wenn es nicht heraus zu bekommen gibt.

Ich glaube, an dieser Stelle bleiben viele von uns hängen, ohne es zu bemerken. Wir sind überzeugt, wir lösen gerade ein wichtiges Problem, aber in Wirklichkeit ist unser Hirn nur mit Routinearbeit beschäftigt und macht einfach das, was es halt immer so macht. Wir selber sind es dann, die irgend ein Thema in diesen Mechanismus hinein werfen, nur um uns dann einzureden, wir würden Probleme lösen. Darum machen zum Beispiel Rätsel und Kriminalgeschichten Spaß. Es fühlt sich einfach nett an, wenn das Gehirn das macht.

Das Problem beginnt, wenn man annimmt, dass die Lösungen, die man auf diese Weise findet, irgendwie etwas Absolutes haben. Die meisten sind aber ungefähr so relevant wie die Lösungen in dem Sudoku-Heftchen, dass man sich am Flugplatz gekauft hat, um sich die Wartezeit zu verkürzen. Aber wenn man ein phantasievoller, kreativer Kopf ist, so wie Alex Jones, dann kann man all dieses Dinge in ein Märchen umdichten, das dann eine Fantastilliarde Klicks in den sozialen Medien erzeugt.

Dann wird das ganze richtig gefährlich, weil das Feedback so vieler Menschen dazu führt, dass man seinen eigenen Bullshit glaubt. Bald werden dann Bücher über einen verfasst und die ersten Tempel entworfen.

Kennt ihr das? Ihr habt euch eine Geschichte ausgedacht und jemandem erzählt und bekommt sie nach einiger Zeit von jemand anderem als die reine Wahrheit aufgetischt? Obwohl ihr wisst, dass ihr euch das nur ausgedacht habt? So in der Art ist das! Aber wenn man Alex Jones ist, dann nimmt man halt an, dass da doch etwas dran ist, weil ihr es ja von einer anderen Person gehört habt.

Wir Menschen sind in diesem Punkt ziemlich seltsam…